Review Grotesque Tactics

Die Entwickler von Silent Dreams haben eine recht bewegte Vergangenheit hinter sich. Erst bastelten sie an dem epischen Rollenspiel „Grotesque“, welches nach etlichen Jahren aufgrund finanzieller Engpässe vorerst eingestellt werden musste. Dafür widmete sich das noch junge Studio einem Ableger namens „Grotesque Tactics“, der zuerst nur online vertrieben wurde und jetzt dank Headup Games auch auf DVD erhältlich ist. Und die „Premium Edition“ bietet sogar komplette Sprachausgabe, was in diesem Fall wirklich absoluten Sinn macht und dem Spielspaß förderlich ist.

Jungfrauen retten!

Das klare Highlight von „Grotesque Tactics“ ist die Handlung. Diese wirft regelrecht mit Klischees und Albernheiten um sich, die zwar manchmal über die Stränge schlagen und fast schon nicht mehr komisch sind, der Geschichte gelingt es aber, prima zu unterhalten und nicht selten ein Schmunzeln über die Lippen zu bringen: Eine Gruppe von waschechten Verlierern und Möchtegern-Helden macht sich auf, um die brutale Sekte Dark Church zu bezwingen. Diese möchte nämlich das Königreich Glory unterjochen, was freilich unbedingt verhindert werden muss. Vor allem die Gespräche zwischen den Protagonisten sind schräg und echt amüsant, bedienten sich die Entwickler schließlich an unzähligen Vorurteilen des Rollenspiel-Genres. Entsprechend gestalten sich auch die Missionen. Gleich zu Beginn sollt ihr eine lüsterne Jungfrau beschützen, die von bösartigen Pilzen attackiert wird. Unterstützung erhält der Antiheld Drake von dem überheblichen Holy Avatar, der sich selbst als Retter der Welt ansieht. Später wird es noch skurriler, denn Holy Avatar kommt auf die wenig gute Idee, Gauner und Kriminelle für seine neue Armee anzuheuern, mit denen er gute Taten vollbringen möchte.

„Grotesque Tactics“ ist insgesamt sehr storylastig, tritt aber gelegentlich etwas ins Humor-Fettnäppchen, denn manche Szenen und Dialoge hinterlassen doch einen dezent peinlichen Eindruck samt Fremdschämgefühl. Glücklicherweise ist das dem Spielspaß keinesfalls hinderlich, da die positiven Aspekte überwiegen. Zum Beispiel ist das eigentliche Gameplay zwar klassischer Natur, aber spannend und recht anspruchsvoll – wenn auch nicht so komplex und schwierig wie ähnlich gestrickte Titel wie „Heroes of Might & Magic“, „Shining Force“ oder „Kings Bounty“.

Kämpfen in Runden

Vorbildlich werden blutige Anfänger in „Grotesque Tactics“ eingeführt. Sämtliche Elemente werden innerhalb der ersten Spielminuten erklärt, sowieso ist der Titel nicht außergewöhnlich schwer zu verstehen. Wie bei genannten Konkurrenten bewegt man seine bis zu zehn Partymitglieder quasi frei durch die weitläufig und liebevoll präsentierten Landschaften. Trifft man auf Feinde, geht es rundenbasiert zur Sache. Jeder Charakter verfügt über einen gewissen Laufradius auf den in Quadrate aufgeteilten Abschnitten – die Feinde freilich auch. Und kommt man dem Gegenspieler zu nahe, beginnt der fast automatisierte Kampf. Diese erinnern frappierend an das kongeniale „Shining Force 3“ und bieten eigentlich alles, was man von einem strategischen Rollenspiel erwartet. Die Figuren sammeln Erfahrungen, steigen im Level auf, erhalten neue Talente, nutzen Gegenstände auf ihrem Inventar und nutzen individuelle Stärken. Silent Dreams spendierte ihnen nicht direkt Special-Moves, sondern eher amüsante Marotten, die Vorteile bringen. Drake zum Beispiel kann die gesamte Mannschaft motivieren, Holy Avatar labert Fieslinge gerne voll. Ferner sollten die Attacken-Arten der Helden berücksichtigt werden. Holy Avatar konzentriert sich auf den Nahkampf, die Jungfrau Candy schnappt sich vorzugsweise einen Bogen. Typisch ist ferner, dass getötete Feinde praktische Items fallen lassen, ihr bei Schlachten überlegt eure Figuren über das Spielfeld navigiert und nicht gleich zum Angriff blast. Taktik und Überlegung stehen hier im Vordergrund, was den größten Reiz von „Grotesque Tactics“ ausmacht.

Kann sich sehen lassen

Richtig nennenswerte Experimente gehen die Macher insgesamt nicht ein, dafür funktioniert das Gameplay ausgesprochen gut und wirkt wie aus einem Guss, vor allem weil der Humor omnipräsent ist und dazu motiviert, auch mal Nebenaufträge, zum Beispiel in dem nicht ganz unwichtigen Dorf Station Wish, anzunehmen. Dort könnt ihr gefallene Party-Mitglieder gegen Mammon neues Leben einhauchen oder euch bessere Ausrüstung kaufen. Apropos Nebenaufträge: Gegenüber der Download-Variante von „Grotesque Tactics“ gibt es in der „Premium Edition“ einige neue Herausforderungen. Erwähnenswerter ist aber die tolle Sprachausgabe mit vielen bekannten Schauspielern aus so manchen Filmen bzw. TV-Serien. Darsteller von „King of Queens“ oder gar Angelina Jolie geben ihr Bestes, um den wichtigsten Charakteren Profil zu verleihen. Das ist ungewöhnlich professionell und regt zusätzlich dazu an, der Geschichte intensiver zu folgen.

Und was wird optisch geboten? Wirklich einiges. Sicher ist „Grotesque Tactics“ nicht das allerschönste Spiel der PC-Welt, aber insgesamt können sich die Figuren und Schauplätze absolut sehen lassen. Neckische Lichteffekte, zeitgemäße Grafikdetails und knuffige Gegner lassen Stimmung aufkommen, höchstens die etwas starre Kamera stört manchmal etwas. Der leichte Anime-Look ist hübsch, Asia-Skeptiker werden jedoch keinesfalls abgeschreckt. Und gegenüber „Kings Bounty“, das hin und wieder auch auf modernen Rechnern etwas ruckelte, flutscht „Grotesque Tactics“ tadellos und auf normal ausgestatteten PCs in hohen Auflösungen.

Fazit: Spaßiges SRPG

„Grotesque Tactics“ sieht gar nicht mal so aus, als sei das Spiel in Deutschland produziert worden. Die komplette Hülle wirkt äußert professionell, hinter der Fassade verbirgt sich zudem ein ausgeklügeltes Strategie-Rollenspiel mit Tiefgang. Höchstens beim gelegentlich etwas zu derben Humor merkt man dann doch, dass der Titel hierzulande entwickelt wurde. Wie auch immer: Genrefreunde sollten sich das Werk wirklich nicht entgehen lassen, auch wenn der Schwierigkeitsgrad recht niedrig angesetzt und damit die Spielzeit überschaubar ist. Aber das Wichtigste ist, dass „Grotesque Tactics“ Spaß bereitet – und das zu einem aktuell wirklich niedrigen Preis von knapp 20 Euro.

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