Anfang des Jahres enthüllte Apple-Chef Steve Jobs das iPad, seit dem 28. Mai 2010 ist das Gerät in Europa erhältlich. Auch Wochen nach der Veröffentlichung hat Apple mit Lieferproblemen zu kämpfen, die Nachfrage scheint also ungebrochen hoch zu sein. Obwohl sich mittlerweile über drei Millionen Geräte weltweit verkaufen konnten, bezeichnen Skeptiker den Tablet-Rechner mit Touchscreen unverändert als überflüssiges Spielzeug sowie schlechte Netbook-Alternative. Und teuer ist das „Ding“ sowieso. Alles Quatsch? Oder braucht wirklich niemand ein iPad?
Auf die inneren Werte kommt es an?
Nüchtern betrachtet ist das iPad das mit Abstand günstigste Apple-Gerät im mobilen Bereich. Sogar das bereits überholte iPhone 3GS kostet ohne Vertrag in der Regel über 700 Euro, das iPad ist dagegen schon für 499 Euro zu haben. Für diesen trotzdem stolzen Preis erhält man das kleinste Modell mit 16GB internen Speicher und ohne 3G-Anbindung. Wer 100 Euro drauflegt, kann mit einer speziellen MicroSim-Karte via UMTS/HSDPA/Edge/GSM unterwegs das Internet verwenden. Das macht nicht für jeden Sinn, sondern vorrangig nur für diejenigen, die ihr iPad mit auf Reisen nehmen wollen. Alle anderen können sich mit WIFI und Bluetooth 2.1 + EDR begnügen.
Der Einstiegspreis ist sogar überraschend attraktiv, denn ähnliche Tablet-Geräte, die es schon seit Jahren in verschiedenen Ausgaben mit PC-Technik gibt, sind stets teurer gewesen. Die 499 Euro konnte Apple durch einige Tricks erreichen. So ist der extra angefertigte A4-Prozessor mit 1GHz nicht gerade ein Tempo-Wunder, schließlich existieren längst leistungsfähigere Prozessoren, z.B. die Intel ATOM-Reihe, welche bei den meisten Netbooks zum Einsatz kommt. Auf Zubehör müssen Käufer ebenso verzichten, einzig ein USB-Kabel für den Mac oder PC sowie eine ergänzende Ladevorrichtung für die Steckdose werden mitgeliefert. Das ist nicht viel, genügt aber für den Anfang und die erste Verbindung mit iTunes. Hier kommt niemand um die Multimedia- und Verwaltungs- Software von Apple herum.
Bemerkenswert ist freilich der 9,7 Zoll große Display mit LED-Hintergrundbeleuchtung. Die Auflösung von 1024×768 widerspricht sich zwar mit dem von Apple beworbenen „Widescreen“-Effekt, allerdings wirkt das Bild zu keiner Zeit gestreckt oder gestaucht. Einerseits beeindruckt die Qualität des 132ppi-Bildschirms mit Multi-Touch-Funktionalität, ein bald erscheinendes Nachfolgemodell erscheint aber nicht unrealistisch. Denn das aktuelle iPhone 4 glänzt mit einem völlig neuen Retina-Screen mit 326ppi. Und dieser an einem zukünftigen iPad? Das wäre sicher großartig und dürfte keinesfalls abwegig sein.
Ferner sparte Apple bei allerhand Dingen: USB-Anschlüsse, zum Beispiel für Digicams, erhält man nur, wenn man dafür knapp 20 Euro extra ausgibt. Die „fettabweisende Beschichtung“ des iPad überzeugt im Praxistest nicht sonderlich, nach eins, zwei Tagen des intensiven Benutzens kann man den Screen immer wieder säubern. Und der digitale Kompass mit Assistend GPS ist nur verfügbar, wenn man sich für das 3G-Modell entscheidet. Immerhin sind Beschleunigungssensoren und Umgebungssensoren standardmäßig von der Partie, das Gyroskop des iPhone 4 fehlt dagegen. Da das iPad keinen MP3-Player-Ersatz darstellen soll, ließ Apple die Kopfhörer gleich weg, hier können aber Standard-Ohrstöpsel an den 3,5mm-Eingang angeschlossen werden. Und weil ein Mikrofon verbaut wurde, ist zumindest theoretisch Internet-Telefonie möglich, leider fehlt wiederum eine integrierte Webcam.
Soweit die technischen Fakten. Ganz klar heben sich hier viele Netbooks positiv vom iPad ab, schließlich legen sogar die günstigsten Modelle viel mehr Wert auf Connectivity. Das iPad macht es Käufern etwas schwer. Die wenigsten Bluetooth-Geräte werden beispielsweise unterstützt, das höchste der Gefühle sind gegenwärtig Tastaturen. Smartphones, iPods, iPhones, PCs, Drucker? Nichts davon will eine echte Verbindung zum iPad aufbauen, obwohl dies rein software-mäßig sicher möglich wäre. Die Abwesenheit eines USB-Anschluss macht es keineswegs besser. Immerhin ist die Einrichtung des Internets via WIFI oder 3G wie gewohnt problemlos und schnell erledigt – dank des iOS 3.2. Das Multitasking-fähige iOS4 soll für das iPad erst im Herbst folgen – hoffentlich kostenlos.
Qualität und Abzocke
Die ganze Kritik, die sich das iPad zurecht gefallen lassen muss, rückt in den Hintergrund, wenn man es das erste Mal einschaltet. Es ist schon faszinierend, welchen Charme die äußerst wertig verarbeitete Hardware ausstrahlt. Sie liegt wunderbar in der Hand, obwohl sie zirka 700 Gramm wiegt und eine Höhe von fast 25 Zentimeter besitzt. Der riesige Display macht eine Menge her, das dürften auch Kritiker bestätigen. Wer einen iPod Touch oder ein iPhone besitzt, wird sich zudem in einigen Sekunden zurecht finden. Die intuitiv bedienbare Oberfläche ist – pardon – idiotensicher und selbsterklärend – also ganz das Gegenteil eines gewöhnlichen Laptops oder Netbooks. Überraschend ist zudem der Lithium-Polymer-Akku mit seinen 25 Wattstunden. Beim normalen Verwenden hält die Batterie problemlos die angegebenen zehn Stunden, wird das iPad nicht benutzt, vergehen eins, zwei Wochen, bis sich das Gerät meldet und an den Strom angeschlossen werden möchte. Besagte zehn Stunden gelten übrigens nur für das Einsetzen des Internetbrowsers Safari, dem Hören von Musik oder dem Schauen von Videos. Wer gerne und viel spielt bzw. anspruchsvollere Anwendungen verwendet, sollte rund zwei Stunden abziehen. Das sind aber immer noch sehr gute Werte!
Richtig ärgerlich ist, dass Apple massiv bei der mitgelieferten Software gespart hat. Was beim iPod Touch Standard war, darf jetzt erkauft werden. Ein Rechner, eine Uhr oder die Aktien-Übersicht – das gibt’s jetzt nicht mehr als Gratis-Dreingabe. Und die vor einem halben Jahr großspurig vorgestellten Office-Anwendungen müssen teuer aus dem AppStore erworben werden. Für das Schreibprogramm iPages werden derzeit 7,99 Euro fällig. Eine kleine Frechheit erlauben sich die App-Produzenten: Zwar können bereits gekaufte iPod/iPhone-Apps problemlos auf das iPad übertragen und dort im nicht so schönen Zoom-Modus fast bildschirmfüllend aufgerufen werden, für separat erhältliche HD-Varianten verlangen die Hersteller aber nochmals Geld. Im schlimmsten Fall müssen Apps also doppelt erworben werden, möchte man nicht auf den Zoom am iPad zurückgreifen. Nur wenige Entwickler bieten neuerdings „Universal“-Apps an, die die nativen Auflösungen der drei Handhelds in einer App unterstützen. Dass iPad-Umsetzungen, meist bekannter bzw. beliebter Spiele, in der Regel ein bis zwei Euro mehr kosten also die iPhone-Fassung, ist nicht nachvollziehbar.
Praxistauglichkeit
Setzt man sich länger als eins, zwei Tage mit dem iPad auseinander, wird man schnell der Auffassung sein, nicht mehr auf den Tablet-Touchscreen verzichten zu wollen. Dass das iPad mehr als nur ein Gadget ist, zeigt der Praxistest. Schnell vor dem Verlassen der Wohnung schauen, wie das Wetter wird – ganz ohne das Hochfahren eines Rechners? Flott Mails mit der integrierten Software checken? Gemütlich auf der Couch im Netz surfen? Einfach im AppStore stöbern und sich just for fun ein Spielchen runterladen? Spontan etwas twittern oder bei Facecook nach Neuigkeiten schauen? Bei iTunes nach neuer Musik oder gar Filmen gucken? Alles wirklich keine Schwierigkeit und äußerst bequem. Im Store finden sich schon über 200.000 Apps, die das iPad noch funktionaler machen – angefangen beim besagten Schreibprogramm bis hin zum eBook-Reader. Gerade dieser Aspekt gewinnt durch die offizielle iBooks-App an großer Bedeutung. Dort können aktuelle Bücher digital erworben werden, sparen kann man bei Neuerscheinungen leider kaum. Dafür gibt es viele Klassiker zum kostenlosen Download. Das ist eine Bereicherung. Hierzu passt auch, dass Marvel und DC Comics ähnliche Apps bereit gestellt haben, dadurch verwandelt man das iPad in ein digitales Comic. Wie bei iPhone und iPod Touch ist es schon jetzt überwältigend, was findige Entwickler aus dem iPad gemacht haben: Mit „Small World“ wird das Gerät zu einem klassischen Brettspiel, bei „Der Spiegel“ kann die beliebte Zeitschrift 1:1 auf den Bildschirm geholt werden, „MotionX GPS HD“ ist ein hervorragendes Tool zur Orientierung beim Wandern und „Numbers“ ist ein erstklassiges Tabellenkalkulationsprogramm. Die Möglichkeiten sind schier unglaublich, dabei ist das iPad noch nicht lange am Markt.
Für alle Lebenslagen
Das iPad ist letztendlich ein facettenreiches Gerät, das durch eine clevere Bedienung und praktische (aber meist kostenpflichtige) Hilfsmittel glänzen kann. Herausragende Alleinstellungsmerkmale, vor allem im Vergleich zu Netbooks bzw. Laptops, halten sich in Grenzen, hier kann sich nur die Touchscreen-Kontrolle hervor heben, die deutlich besser funktioniert als bei Versuchen klassischer PC-Hersteller – wie z.B. dem HP TouchSmart 2. Und es liegt fraglos besser in der Hand als ein aufklappbarerer Rechenknecht. Aber sonst? Das iPad ist ein reizvoller Mini-Rechner für alle Lebenslagen, wenn es mal schnell und unproblematisch gehen soll. Was anderes möchte man nach einer klitzekleinen Eingewöhnungszeit auf der Couch oder gar der Toilette nicht mehr verwenden. Da fällt es dann gar nicht mehr ins Gewicht, dass es standardmäßig kein USB oder Flash-Support (Safari) gibt und man normale PC/Mac-Software nicht verwenden kann. Bedenken sollten potentielle Käufer in jedem Fall: Zum iPad-Preis kommen mit Sicherheit noch 50 Euro und mehr, nämlich für die wichtigsten und attraktivsten Apps, mit denen der Alltag ein wenig besser und das eigene Gerät einen Hauch individueller wird.






1 comment
Jugendhäuser und iPhones sind Kult says:
Sep 26, 2010
[...] Informationen und einen umfagnreichen iPad Test gibt’s auf der Gameothek.com [...]