Battlefield 1

Im neusten Ableger der Shooter-Reihe Battlefield macht Entwickler DICE den Ersten Weltkrieg zum Thema und distanziert sich dadurch automatisch vom Genre-Einheitsbrei, der sich nur allzu oft in die Zukunft oder in die Fänge des zweiten großen Krieges begibt. Ein cleverer Schachzug, der bei Fans genauso gut angekommen ist, wie bei den Kritikern. Doch würde man die Geschichte des Ersten Weltkriegs auch in eine spannende Kampagne verpacken können? Wäre es möglich die Gräuel des Krieges einzufangen, ohne sich in glorifizierender Heldengeschichte zu verlieren? Die Antwort ist „Jein“. Warum das so ist und was uns besonders gut gefallen hat – und was nicht – soll der folgende Test klären.

Sinnloses Sterben

Auch wenn der Multiplayer-Part von Battlefield 1 das Herzstück des neuen Spiels geworden ist, möchte ich an dieser Stelle erst einmal auf die Kampagne eingehen. Von der Geschichte soll nicht allzu viel verraten werden, gerade da der Solopart sehr kurz geraten ist, aber ich möchte die Entwickler erst einmal loben.
Der Auftakt der Kampagne gehört mit zu dem Besten, was ich jemals in einem Shooter erleben durfte. Während der ersten spielbaren Mission werden die Spieler mitten in die Schlacht geworfen. Die Steuerung wird nebenbei erklärt, doch das ist nicht das wichtigste. Es geht darum am Leben zu bleiben. Die Gegner rücken immer näher, die Munition wird knapper. Granaten fliegen einem um die Ohren und dann… ja, dann stirbt man.
Der Bildschirm verfärbt sich und man liest den Namen des gefallenen Soldaten. Darunter steht wie lange er gelebt hat, etwa: „Joseph Anderson, 1897-1918“
Danach schlüpft man in die Rolle eines anderen – irgendwo austauschbaren Soldaten – und es geht weiter, bis zum nächsten Ableben. In seiner Einfachheit ist die Eröffnung von Battlefield 1 wohl das intensivste Erlebnis, das ich mir hab vorstellen können. Sterben, Warten, Respawn. Noch nie wurde diese genretypische Mechanik so clever und sinnvoll eingesetzt.

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Leider hält die Kampagne dieses Niveau nicht ganz. Statt einer durchgehenden Story zu folgen, schlüpfen die Spieler innerhalb von fünf Kapiteln in die Rollen unterschiedlicher Soldaten aus ebenso unterschiedlichen Nationen. Dabei sind sie niemals strahlende Helden, sondern Menschen, die durch unterschiedliche Umstände in den Krieg gezwungen wurden. Sie gewinnen den Krieg nicht im Alleingang – so wie es in anderen Shootern gerne mal der Fall ist – sondern versuchen lediglich lange genug am Leben zu bleiben, um irgendwie nach Hause zu kommen.

Die unterschiedlichen Blickwinkel tun dem Spiel zwar gut, aber dennoch sollten Spieler keinen dramaturgischen Tiefgang erwarten. Battlefield 1 ist und bleibt Action-Kino, das sich im Bombast, mitunter kitschigen Dialogen und vorallem vielen Explosionen verliert. So intim und anonym die Erföffnung auch ist, wird sie von Aufgabenstellungen a la “Erreiche die Kirche”, was gleichbedeutend ist mit “Töte 30 Soldaten während du in einer Rüstung steckst”, überschattet. Dennoch bleibt die Kampagne die beste, die Dice seit langer Zeit abgeliefert hat. Und wenn man nach 5-6 Stunden das erste mal durch ist, hat man das Gefühl alle Modi des Multiplayer-Parts einmal gespielt und alle vorhandenen Fahrzeuge einmal gefahren/geflogen zu haben. So oder so, ein guter Einstieg ins Herzstück des Shooters.

Die Vielfältigkeit des Multiplayers

Wo die Kampagne durch innovative Ansätze gefällt, aber nur durch das grandiose Gameplay letztlich in Erinnerung bleibt, blüht der Multiplayer endgültig auf. Zwar kann man verallgemeinernd sagen, dass die Schrecken des Krieges hier keine große Rolle mehr spielen, aber dafür stimmt alles weitere. Panzer, Senfgas und Bombenhagel sind keine erzählerischen Mittel mehr, sondern taktisch wichtige Waffen, die richtig eingesetzt sein wollen, möchte man innerhalb der mannigfaltigen Spielmodi langfristig überleben.

Egal ob Team Deathmatch, Vorherrschaft, Rush, Kriegstauben oder Conquest, es sollte für den etwas dabei sein. Auf den großen und abwechslungsreichen Karten können sich wieder bis zu 64 Spieler austoben, was für Chaos und ein schnelles Ableben sorgen kann, aber unterm Strich dieses “Mittendrin”-Gefühl erzeugt, von dem die Battlefield-Spiele bisher immer gelebt haben. Dabei stehen vier verschiedene Klassen zur Auswahl und einige Fahr- und Flugzeuge, zu denen sich das Pferd als Reittier neu hinzugesellt. Sitzt ihr auf dessen Rücken, habt ihr nicht nur Zugriff auf Panzerabwehrgranaten (deren Zweck wohl keiner Erklärung bedarf), sondern könnt auch einen Säbel nutzen, um eure Feinde reitend zu attackieren. Natürlich seid ihr dadurch aber auch ein leichteres Ziel für eure Gegner.

Ebenfalls gut gefällt das entschlackte Waffenmanagement. Es gibt gefühlt weitaus weniger Waffen, als im Vorgänger, aber diese sind wunderbar ausbalanciert und man muss – bis auf wenige Ausnahmen – einige Zeit mit ihnen üben, ehe man gut damit umgehen kann. Das mag die Sache für Einsteiger womöglich erschweren, aber nichtsdestotrotz ist es lobenswert, dass es nicht nur diesen “einen” Aufsatz gibt, den alle auf ihre übermächtige Waffe schrauben, um Anfänger wegzufegen. Klasse statt Masse nennt sich das wohl.

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Was den Multiplayer-Modus von Battlefield 1 weiterhin auszeichnet, ist die Tatsache, dass es kein reiner Kill-basierter Shooter ist. Ist man in seinem Squad unterwegs, sollte man darauf achten zusammen Aufträge zu erfüllen und seiner Rolle gerecht zu werden. Ein Sanitäter sollte dementsprechend nicht vorstürmen und sich alleine mit den Gegnerscharen anlegen, sondern in der Gruppe bleiben und bei Bedarf Medi-Kits bereitstellen. Und das gilt für alle Klassen! Also kümmert euch nicht um eure K/D-Ration und sorgt dafür euer Überleben und das eurer Crew zu gewährleisten.

Unterstrichen wird dieser Teamaspekt auch dadurch, dass Squad-Leader bestimme Gebiete markieren und den anderen Mitgliedern so Befehle erteilen können. Werden diese erfüllt, regnet es Extra-Punkte fürs Team und einen selbst. Umgekehrt können andere Teammitglieder Befehle anfordern, um so koordinierter vorzugehen. Toll gemacht!

Auch wenn die Maps von der Wüste Sinais (die man auch aus der Beta kennt), über Wälder, Alpenteile und einen Palais reicht, hätte ich mich über noch mehr Vielfalt gefreut. Zwar sind die Karten allesamt abwechslungsreich gestaltet und bieten viel Raum für taktische Spielereien, sowie die Angst vor ständigem Feindkontakt, aber dennoch hat man nach einigen Stunden das Gefühl bereits alles gesehen zu haben. Abhilfe bringen da natürlich die schon längst angekündigten DLCs, aber bis dahin müssen wir uns mit dem zufriedengeben, was da ist. Und das ist alles fantastisch designt, grafisch wunderschön und überzeugt vom Aufbau über die Wettereffekte, wie plötzlich aufkommenden Nebel und Sandstürmen, auf ganzer Linie. Trotz der offensichtlichen Klasse, die vom Balancing nahe an der Perfektion liegt, hätte ich mir hier mehr Masse gewünscht, um langfristigen Spaß gewährleisten zu können.

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Operations

Wem eine Map nicht genug ist, darf sich über den neuen Operationen-Modus freuen, der mein persönliches Highlight ist. Hier wird im Rahmen einer kurzen Geschichte ein äußerst intensives Schlachterlebnis geboten, das sich über mehrere Karten erstreckt und in dem die Spieler in langen Duellen Sektoren erobern, beziehungsweise verteidigen müssen. Sind die Sektoren erobert, werden die Feinde zurückgeschlagen, doch das Spiel ist noch nicht vorbei. Stattdessen formieren sie sich auf einer neuen Karte neu und das Spiel geht weiter. Angreifer haben dabei nicht unendlich viele Versuche, sondern müssen mit einem bestimmten Kontingent auskommen. Wer allzu oft stirbt, verbraucht somit unnötig Einheiten und damit Respawns des eigenen Teams.

Die unterlegene Partei bekommt für die nächste Runde dabei Unterstützung in Form eines Luftschiffs oder gepanzerten Zuges (je nach Map), die zwar ausgeschaltet werden können, aber gleichzeitig auch über Sieg und Niederlage entscheiden, sprich das Blatt noch wenden können. Einen spannenderen Modus habe ich persönlich in keinem anderen Shooter erlebt und es ist sowohl taktische Finesse, als auch Teamplay erforderlich, um siegreich hervorgehen zu können.

Grafik, Technik & Sound

Grafisch ist Battlefield 1 über fast alle Zweifel erhaben. Das Spiel hat knackige Texturen, tolle Beleuchtung, Light- und Wettereffekte, sowie eine atmosphärische Weitsicht. Die Framerate bleibt weitesgehend stabil bei 60 fps – wobei sie auf größeren Maps auch mal einbricht, was zwar spürbar, aber nur selten tragisch ist.

Mal abgesehen vom Launchwochenende, bei dem das PSN unter einer DDoS-Attacke litt und der Shooter somit unspielbar war, läuft Battlefield 1 wunderbar. Weder hatte ich bisher Probleme ein Spiel zu finden, noch einem beizutreten. Auch über Verbindungsabbrüche kann ich mich nicht beschweren. EA und Dice haben hier ganze Arbeit geleistet!

Der Soundtrack ist phänomenal und Gänsehaut erzeugend. Wer den orchestralen Klängen lauscht, kann nur in Stimmung kommen. Ohnehin ist die gesamte Atmosphäre hervorragend geworden. Die Waffen klingen stark, die Bässe wummern und Bombenhagel und Explosionen können durchaus das ganze Haus erschüttern. Wer mit einem Headset spielt, darf sich zudem über eine tolle Geräuschsortung freuen.

Fazit

Neben Overwatch ist Battlefield 1 für mich der Shooter des Jahres! Auch wenn sich die beiden Titel auf den ersten Blick kaum miteinander vergleichen lassen, steht bei beiden der Teamaspekt vor dem Ego des einzelnen Spielers. Absprache und Taktik sind ebenso wichtig wie Skill.

Die Kampagne mag zwar kurz sein, überzeugt aber durch eine unerwartete Herangehensweise und die beste Eröffnung seit langer Zeit. Zwar traut man sich bei Dice nicht den eingeschlagenen Weg bis zum Ende zu gehen und verliert sich ein wenig zu sehr im Heldentum und Kitsch, aber dennoch macht der Singleplayer Laune und dient als ein großes Tutorial für den Multiplayer.

Und dieser ist über alle Zweifel erhaben. Modi-Vielfalt, Waffen- und Klassensystem, Kartengröße und Balancing – Hier stimmt so ziemlich alles. Zwar hätte ich gerne noch mehr Maps gesehen, aber darüber tröstet der herausragende Operationen-Modus hinweg, der mich noch lange Zeit beschäftigen wird. Battlefield 1 löst sich von der direkten Shooter-Konkurrenz und sprintet für mich auf Platz 1 der realistischen Shooter.

Battlefield 1 wurde auf der PlayStation 4 getestet, dank einer von EA bereitgestellten Promo-Version.

2 Comments

  1. Guter Test! Muss bei fast allem zustimmen, außer bei der Kampagne. Die fängt zwar gut an, aber wird dann zu einer absurden Ballerei, wo man mühelos im Alleingang Horden von Soldaten ohne jegliche KI niedermäht (die Map mit der Rüstung als Paradebeispiel) und eben doch den Superhelden spielt. Gerade im 1. WK konnte jedoch ein einzelner Soldat rein gar nichts ausrichten, sondern nur die Masse, und das hätte DICE nach der guten Startmission wunderbar rüberbringen können. Leider ist die Chance jetzt wieder mal vertan 🙁 Und auch Missionen aus der Sicht der Deutschen fehlen, warum auch immer.

  2. Erst einmal Danke für die Rückmeldung 🙂 Ja, das mit den Deutschen (und anderen) ist mir während des Spielens auch aufgefallen, während des Schreibens des Tests habe ich daran aber gar nicht mehr gedacht… Das hätte ich zumindest noch erwähnen können. 🙁
    Was deine Kritik in Bezug auf die Kampagne angeht, gebe ich dir vollkommen recht. Wie geschrieben, ist der Auftakt grandios gelungen und richtig intensiv. Danach verliert sich das alles sehr in Kitsch und Bombast. Und es sind eben jene erwähnten Missionen (Kirche beispielsweise), die das Spielgefühl des Auftakts letztlich zerstören. Dennoch hatte ich viel Spaß mit der Kampagne, auch wenn das Niveau nicht gehalten werden kann, bzw. man sich zu sehr an die “Casual”-Shooter-Spieler (ich mag das Wort nicht, benutze es jetzt aber aus Mangel an Alternativen) angebiedert hat. Also: Viel verschenktes Potential, aber spaßige Kampagne (für mich persönlich trotzdem eine der besten von Dice), die man als großes Tutorial für den MP sehen kann.

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