Blitz-Review Kane & Lynch 2: Dog Days

Laut offiziellen Aussagen gehört „Kane & Lynch: Dead Men“ mit über einer Million verkauften Einheiten zu den erfolgreichsten Spielen des Jahres 2007. Da mittlerweile auch bekannt ist, dass ein passender Kinofilm mit Bruce Willis vorgesehen ist, darf man die noch junge Marke nicht in Vergessenheit geraten lassen. Aus diesem Grund haben Square Enix und Entwickler IO Interactive rein zufällig einen zweiten Teil parat.

Action in Shanghai

Nach den letzten Vorfällen in „Dead Men“ sind die beiden Antihelden Kane und Lynch etwas zur Ruhe gekommen. Kane treibt sich noch in den Staaten herum, während sich der alternde Lynch in Shanghai niedergelassen hat. Dort fristet er sein Dasein, beschäftigt sich ein wenig mit Kleinkriminalität und führt ein fast beschauliches Leben mit seiner Freundin. Als sich ein großer Waffenschieber-Deal anbahnt, ruft er bei seinem alten Kumpel Kane an, der prompt in die chinesische Metropole reist, um seinem Weggefährten unter die Arme zu greifen und das schnelle Geld zu machen. Aber wie kann es anders sein: Schon während der „Geschäfts“-Vorbereitungen geht so einiges schief, Kane erschießt aus Versehen die Tochter eines Syndikats-Chefs und prompt findet sich das Duo mitten in einer chaotischen Hetzjagd durch die Großstadt wieder. Nebenbei wird die Geliebte von Lynch ermordet, was regelrecht nach Rache schreit. Aber so einfach ist das alles nicht, denn ein Syndikat, die chinesische Polizei und die ehemaligen Auftraggeber verfolgt die beiden…

Die Story ist zwar wenig überraschend, doch die Produzenten kaschieren den fehlenden Anspruch durch jede Menge Action. Vorrangig wird Lynch durch die Levels gesteuert, zur Seite steht ihm sein computergesteuerter Kollege Kane, der optional auch an einer Konsole (PS3, Xbox 360) oder via Internet (PC, PS3, Xbox 360) von einem menschlichen Mitstreiter kontrolliert wird. Beide ballern, was das Zeug hält, metzeln sich durch unzählige Gegnerhorden und versuchen stets, bestimmte Ausgänge zu erreichen. In der siebenstündigen Solo-Kampagne wird außergewöhnlich viel geschossen, spielerisch bleibt der Tiefgang dann doch ein wenig auf der Strecke. Denn es fehlt an erinnerungswürdigen Passagen und ausgefeilten Ideen. Stattdessen konzentriert sich „Kane & Lynch 2: Dog Days“ auf unbarmherzige Vernichtung der Kontrahenten; das allerdings mit Taktik-Elementen auf Sparflamme. Zwar wurden das Deckungssystem und die Steuerung gegenüber dem Vorgänger deutlich verbessert, aber wirklich strategisch muss hier niemand vorgehen. Es ist aber nett, dass man kurz vor dem Sterben noch auf dem Boden in Sicherheit kriechen kann oder mit explodierenden Feuerlöschern um sich werfen darf. Das wirkt auf gewisse Weise authentisch und sorgt für ein wenig Abwechslung sowie Dramatik.

Fehlende Sympathie und cooler Style

Kane und Lynch sind als Charaktere unglaublich unsympathisch, sodass es nur in Maßen Spaß bereitet, der Handlung zu folgen. Als Spieler schert man sich nicht darum, dass Lynch seine Geliebte verloren hat oder Kane nicht mehr mit seiner Partnerin zusammen ist. Alles unwichtig und banal. Vielmehr konzentriert man sich auf die extrem linearen Ballereien, kämpft sich durch die Level-Schläuche oder die zwar frei begehbaren, allerdings nicht sonderlich weitläufigen Gebiete. Fast ausschließlich sind die Abschnitte sehr düster, schmutzig und nicht gerade einladend. Aber das hat auch seinen Grund: IO Interactive spendierte „Kane & Lynch 2: Dog Days“ nämlich einen außergewöhnlichen Look, der als „Youtube-Stil“ bezeichnet wird. Mittels Wackelkamera, Unschärfeeffekten, Lichtspiegelungen, Telefonanrufen und Blutspritzern an die fiktive Kamera wird erstaunlich viel Atmosphäre erzeugt. Das liegt daran, dass man so etwas höchstens aus Kinofilmen wie „Cloverfield“ kennt, nicht aber aus einem Action-Spiel. Und hier zeigt sich, dass der Titel doch sehr cool sein kann und dazu motiviert, weiter zu spielen. Sehr passend sind auch die absichtlichen Verpixelungen von nackten Personen oder in den Kopf geschossenen Gegnern – das ist irgendwie amüsant.

Kleine Schnitte und die Technik

Wer glaubt, „Kane & Lynch 2: Dog Days“ wurde in Deutschland ausgiebig geschnitten, der irrt sich glücklicherweise. Einzig Ragdoll-Effekte wurden entfernt, genauso kann man Zivilisten nicht als lebenden Schutzschild benutzen. Das sind nur Kleinigkeiten, ohnehin mangelt es dem Titel nicht an Gewalt. Es hätten sogar noch ein paar Bluttropfen mehr sein können, denn dies hätte das Anvisieren der Feinde etwas erleichtert. Denn das Zielsystem ist manchmal etwas ungenau, aber in den zwei niedrigeren der drei Schwierigkeitsgrade fällt das kaum ins Gewicht. Das Kämpfen ist sowieso nicht sonderlich komplex, maximal zwei Waffen dürft ihr bei euch tragen – Munition und neue Schießeisen finden sich in rauen Mengen, zum Beispiel bei getöteten Gegnern.

Wie bereits erwähnt zeichnet „Kane & Lynch 2“ der überzeugende Grafikstil aus. Trotzdem wirken die meisten Schauplätze, Animationen und sogar die Charakterdarstellungen nicht mehr zeitgemäß. Alles hinterlässt einen dezent betagten Eindruck, der durch den „Shaky Cam“-Stil kaschiert wird. Wiederum hat „Kane & Lynch 2“ ein paar schöne Szenen parat, zum Beispiel die Auseinandersetzung mit einem Hubschrauber in einem Hochhaus. Sonst aber hat man auf der aktuellen Hardware-Generation schon viel Besseres gesehen. Es hat den Anschein, als sei die Zeit bei den Produzenten seit 2007 stehen geblieben. Schade. Auch der Soundtrack, der bei „Dead Men“ noch sehr gefiel, ist jetzt nicht mehr von Relevanz. Nun ist es sehr ruhig geworden und Kane sowie Lynch fluchen am laufenden Band. Da leisten nicht einmal die deutschen Synchronsprecher herausragende Leistungen, sondern langweilen durch sich ständig wiederholende Sprüche.

Gelungen: Der Multiplayer

Viel besser ist der Multiplayer, der wohl perfekt zu dem unansehnlichen Shanghai passt. Dank der jetzt schon gut gefüllten Lobbys kann man sich an dem tollen „Fragile Alliance“-Modus erfreuen, bei dem man mit anderen Spielern Geld rauben, Bomben platzieren und innerhalb eines Zeitlimits ein Ziel erreichen muss. Durch sich ändernde Bedingungen, zum Beispiel ein vermeintlicher Undercover-Agent, werden die Matches noch brisanter und aufregender. Solisten können sich auch an dem „Arcade“-Modus versuchen, hier beschäftigt man sich mit Betrug, Rache und Gier nicht mehr mit acht humanoiden Kollegen, sondern mit KI-gesteuerten Kontrahenten bzw. vermeintlichen Freunden. Nicht unerwähnt sollte die „Räuber und Gendarm“-Spielart für Teams bleiben, die ebenfalls launige Schlachten ermöglicht. Tatsache ist: Der Multiplayer macht schon jetzt viel viel mehr Spaß als die Solo-Kampagne. Hier haben die Entwickler tatsächlich Kreativität bewiesen, dank etlicher Maps sollte für ein paar Wochen Fun gesorgt sein.

Fazit: Akzeptabel bis sehr gut

Es ist schon etwas ärgerlich, dass IO Interactive bei der Story und dem Solo-Part etwas geschlampt hat. Die Geschichte ist banal, das Gameplay zu einfältig und wenig aufregend. Übrig bleibt Genre-Durchschnitt ohne besondere Höhen und Tiefen. Allerhöchstens wird man hier solide unterhalten, mehr ist nicht drin – trotz des grandiosen „Youtube-Stils“. Anders sieht es beim Multiplayer aus, der die Stärken der tristen Schauplätze sowie des einfachen Spielkonzepts nutzt und durch clevere Ideen erweitert. „Fragile Alliance“ ist klasse und immer wieder spaßig. Das gilt auch für die anderen Herausforderungsarten und den immer schwerer werdenden Arcade-Modus. Wer also sowieso Mehrspieler-Schlachten bevorzugt, liegt bei „Kane & Lynch 2: Dog Days“ richtig. Solisten werden dagegen mehr enttäuscht als glücklich sein.

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