Review: Deus Ex: Mankind Divided

Fünf Jahre nach dem grandiosen Deus Ex: Human Revolution entlässt uns Square Enix erneut in die dystopische Zukunftsvision von Eidos Montréal und somit in die virtuelle Haut des augmentierten Agenten Adam Jensen. Und auch dieses mal lassen weitreichende Verschwörungen, Splittergruppen und Terrorismus nicht lange auf sich warten. Ob Deus Ex: Mankind Divided besser oder schlechter mit diesen Themen umzugehen weiß, als sein direkter Vorgänger, klären wir in unserem Test.

Eine düstere Zukunftsvision

Deus Ex: Mankind Divided wirft uns in das Jahr 2029 und somit spielt die Geschichte gerade mal zwei Jahre später als die des Vorgängers. Und auch wenn man in der ersten Tutorial-Mission noch nicht allzu viel davon mitbekommt, war das die beste Entscheidung, die Eidos Montréal treffen konnte. Am Ende von Human Revolution wurden alle Augmentierten – also Menschen, die mit technischen Verbesserungen und Implantaten versehen wurden – manipuliert und wendeten in sich gewaltsam gegen die Menschen ohne solche Verbesserungen. Die Folge daraus waren Misstrauen und Angst vor all jenen, die anders waren als der “normale” Mensch.

Zwei Jahre später hat sich die Sache noch verschlimmert: Augmentierte müssen spezielle Papiere bei sich tragen, um sich frei in den Städten bewegen zu dürfen, wobei sie eigene Eingänge in die U-Bahn nutzen oder in heruntergekommenen Ghettos hausen müssen. Sicherheitspersonal an allen Ecken der Städte und strenge Kontrollen sind dabei genauso an der Tagesordnung, wie Gewaltverbrechen an den Menschen niedrigerer Klasse, deren Aufklärung nicht unbedingt die oberste Priorität hat. Nach einem ebenso turbulenten wie spannenden Start betritt man plötzlich eine korrupte, gefährliche und erdrückende Welt, die einen ständig an die Apartheid erinnert. Andere Entwickler und Spielereihen wären womöglich an der Thematik erstickt, aber in die Cyberpunk-Zukunft eines Deus Ex passt sie wie die augmentierte Faust aufs Auge.

Übrigens habe ich mich mehr als einmal dabei erwischt, dass ich den für optimierte Personen vorgesehenen Weg zu meinem Ziel nahm, statt den kürzeren. Wenn man die Atmosphäre des Spiels auf sich wirken lässt, fühlt man sich automatisch fremd und ungewollt. Beinahe mechanisch hält man sich dann nach der x-ten Kontrolle genau an die Regeln und läuft hinter Stacheldrahtzäunen schmale Stufen hinab, statt sich frei zwischen den anderen zu bewegen.

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Spannend erzählter Thriller

Zur Geschichte von Deus Ex: Mankind Divided möchte ich an dieser Stelle gar nicht so viel sagen. Wie bereits erwähnt, setzt sie die des Vorgängers fort und braucht nur wenige Minuten um an Fahrt aufzunehmen. Wer das Spiel lediglich wegen der Handlung spielen möchte, sollte im besten Fall den Vorgänger gespielt haben. Wer das nicht hat, darf sich allerdings vorm Start ein zwölfminütiges Video anschauen, das die Geschehnisse zusammenfasst. Tolle Sache!

Danach folgen wir den Ereignissen aus Adam Jensens Perspektive, der in die tschechische Hauptstadt Prag gewechselt ist und dort für die Interpol-Einsatzgruppe Taskforce 29 arbeitet. Gleichzeitig sympathisiert er mit dem Juggernaut-Kollektiv, das aus Hackern und politischen Aktivisten besteht, und es sich zur Aufgabe gemacht hat herauszufinden, wer hinter der mysteriösen Organisation der Illuminaten steht. Schade sind dabei zweierlei Dinge: Erstens, es finden bis auf wenige Ausnahmen alle Missionen innerhalb Prags statt. Dass das nicht allzu negativ auffällt, ist dem grandiosen Artdesign zuzuschreiben und der Tatsache, dass sich die Stadt im Laufe der Handlung durchaus verändert. Mehr soll dazu allerdings nicht gesagt werden. Zweitens, bietet Mankind Divided ein recht abruptes Ende.

Man fühlt sich zwangsläufig so, als würde etwas fehlen oder als hätte man etwas verpasst. Das ist insofern besonders schade, als dass man bis zu diesem Punkt in einem unwahrscheinlich spannend erzählten Thriller gefangen ist, dessen Story dabei entweder durch Zwischensequenzen erzählt wird, in denen man meist mehrere Dialog-Optionen zur Verfügung hat, oder via Funkübertragungen, bzw. per Notepads und gehackten Computern, in denen sich oftmals wichtige Informationen befinden. An letztere gelangt man allerdings nur, wenn man die entsprechenden Geräte hackt. Und dazu benötigt man neben Fingerspitzengefühl auch die entsprechende Fähigkeit …

Wer will ich sein?

Ähnlich wie in Human Revolution versteht sich auch der Nachfolger als eine Mischung aus Stealth-, Action- und Rollenspiel. Durch die offene Gestaltung der Missionen und Level, kann man sich jederzeit entscheiden, wie man vorgehen möchte. Zur Verfügung stehen einem dabei Adams Augmentierungen, mit denen man mittels erworbener Skill-Punkte auf besondere Fähigkeiten und Moves zurückgreifen kann. So kann man seine Hacking-Fähigkeiten genauso verbessern, wie die Retina-Optimierung, mit der man durch Wände schauen oder mittels Smart-Vision Gegner dauerhaft markieren kann. Wer aggressiver vorgehen möchte, verbessert seine Waffen-Skills, rüstet diese mit neuen Visieren oder stärkerer Munition aus oder greift auf die Rhino-Panzerung zurück, eine schwarz glänzende Schutzhülle, die Kugeln abprallen lässt. Wer direkten Konfrontationen allerdings lieber aus dem Weg geht, dämmt seine Schritte oder nutzt seine Tarnfähigkeiten, um kurzzeitig unsichtbar zu werden. Perfekt, um an Kameras und Wachen vorbeizuschleichen. Die Level sind dabei alle so konstruiert, dass es niemals nur den einen Weg gibt. Stattdessen gibt es ganz häufig viele verschiedene Herangehensweisen, mit denen man experimentieren kann. So habe ich mir das vorgestellt!

Ergänzt wurden die Fähigkeiten, die zu einem großen Teil aus dem Vorgänger übernommen wurden, durch neue, die perfekt zu dem jeweiligen Spielstil passen. Die dringend benötigten Skillpunkte verdient man sich dabei durch Absolvieren der Story-Aufträge oder die zahlreichen Nebenmissionen, die es in und um Prag zu entdecken gibt.

Schön hierbei ist, dass man mitunter genau aufpassen muss, um die Sidequests nicht zu verpassen. Zwar lassen sich die meisten Aufträge auch zu einem späteren Zeitpunkt nachholen – das Spiel warnt einen explizit, sollte das nicht der Fall sein – aber einige sind durchaus gut versteckt. Also Augen und Ohren offen halten, während der Spaziergänge durch die Hauptstadt.

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Der Breach-Mode

Bei dem Breach-Mode handelt es sich um einen neuen Modus, den man aus dem Hauptmenü heraus starten kann. Er funktioniert dabei eigenständig und erzählt eine kleine Geschichte, die allerdings nicht der Rede wert ist. Als Hacker schließt man sich einer Gruppe an und versucht auf die Datensätze einer großen Firma zu zu greifen, um deren Geheimnisse aufzudecken. Spielerisch funktioniert das genauso wie im Hauptspiel, soll heißen, dass die Steuerung identisch ist und es ebenfalls Skill-Trees zum Freischalten besonderer Fähigkeiten gibt. Grafisch präsentiert sich das allerdings von der eher minimalistischen Seite: Man betritt während der Missionen eine Art simpel gestalteter, virtueller Realität, um Datensätze unter Zeitdruck zu extrahieren und auch mal die ein oder andere aus Polygonen bestehende Cyberwache auszuschalten. Dabei lassen sich Bestzeiten aufstellen und mit Freunden vergleichen.

Wermutstropfen der Geschichte ist das repetitive Gameplay und die aufdringlichen Mikrotransaktionen. Ehrlich, ich habe keinen Cent für meinen ohnehin kurzen Ausflug in den Breach-Mode ausgegeben, aber es ist schnell erkennbar, dass man leichter und angenehmer vorankommt, wenn man Geld ausgibt. Das war es mir allerdings nicht wert. Vielmehr ist der Modus zwar eine nette Dreingabe, aber keine, die man gebraucht hätte. Wer den Modus komplett ignoriert, macht also nichts falsch.

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Präsentation, Grafik und Sound

Das Artdesign von Deus Ex: Mankind Divided ist schlichtweg phänomenal. Die tschechische Hauptstadt Prag, die Hauptfiguren, Nebencharaktere und Schauplätze wirken wie aus einem Guss und überzeugen durch Vielfalt und Wiedererkennungswert. Gerade die Hauptfiguren sind natürlich noch einmal detaillierter gestaltet, als andere NPCs, aber das übergreifende Design verschleiert das genauso gut, wie es darüber hinwegsehen lässt, dass einige Texturen recht matschig sind – zumindest in der von uns getesteten PlayStation 4-Fassung. Störend sind allerdings einige Ruckler, die auftreten, wenn man über plätze mit besonders vielen NPCs läuft. Das reißt einen raus und deutet auf Fehler in der Optimierung hin.

Der Soundtrack ist wunderbar stimmig und die deutsche Synchronisation mal abgesehen von einigen schlimmen Aussetzern sehr gut gelungen. Schade ist allerdings, dass die Tonspuren nicht richtig eingepegelt wurden und deshalb die Lautstärke in Zwischensequenzen gerne mal ordentlich zulegt, nur um danach wieder ins Gegenteil zu rutschen.

Und dann ist da noch die Lippensynchronizität.

Ja, es mag schwer sein, mit dem geringen Aufwand, der bei einem “kleineren” Titel (kleiner im Sinne von weniger finanziellen Mitteln) betrieben wird auch noch auf die Lippensynchronizität zu achten, aber mal ehrlich: Wenn mein Gegenüber mir zwar ein Ohr abkaut, aber noch nicht einmal mehr die Lippen bewegt, dann ist das nicht einmal mehr Schuld des Tonstudios, ondern schlichtweg schlampige Programmierarbeit. Es muss nicht perfekt sein, aber was einem da in Mankind Divided ab und an geboten wird, ist einfach richtig schlecht. Deshalb gibt es auch beim sonst so gelungenen Sound und der guten Synchronsprecher Abzüge.

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Fazit

Wenn ich mal von dem für mich absolut uninteressanten Breach-Mode absehe, macht Deus Ex: Mankind Divided eigentlich fast alles richtig, aber auf jeden Fall besser als sein Vorgänger. Die Geschichte ist spannend, das Gameplay außergewöhnlich gut, das Artdesign in sich zu hundert Prozent stimmig und die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten an eine Mission heranzugehen und seinen Fokus auf bestimmte Skills zu setzen, wird eigentlich  nur von Metal Gear Solid V: The Phantom Pain übertroffen.

Würde die Story nicht so abrupt zu einem Ende kommen und die kleineren technischen Defizite und die häufig fehlende Lippensynchronizität einen auf Dauer nicht so sehr aus der Erfahrung heraus reißen, ich hätte das Spiel noch einmal höher bewertet. Aber auch so bleibt es ein absolut empfehlenswertes Spiel in einem außergewöhnlichen Setting, das jeden Cent wert ist.

Ich freue mich schon auf die kommenden Story-Erweiterungen!

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