El Shaddai: Ascension of the Metatron – Testbericht

Konservative Kritiker sehen in Videospielen freilich keine Kunst. Doch es gibt etliche Beispiele, die spielerisch auf einer tiefgründigen Ebene unterhalten und visuell eine neue Erfahrung darstellen. El Shaddai: Ascension of the Metatron ist zumindest in der zweitgenannten Kategorie angesiedelt.

Was zum Teufel?

Die Handlung von El Shaddai ist konfus, seltsam und für normalsterbliche Mitteleuropäer schwer verständlich: Sieben Engel, die so genannten Girgori, wachten einmal über die Menschen auf der Erde. Eines Tages gaben sie der Versuchung nach und reisten auf unseren Planeten. Dort fühlten sie sich zwar heimisch, verdarben aber die Bewohner. Das muss ein Ende haben, meint zumindest der Erzengel Luzifer, der im Spiel als schicker Geschäftsmann mit Handy auftritt. Er schickt den Helden Enoch los, der zu Beginn unbewaffnet gegen die sieben Engel und ihre Lakaien zu kämpfen hat. Das große Ziel ist es, nicht nur die Grigori zu erledigen, sondern auch die Menschlichkeit wieder herzustellen. So schön, verrückt und einzigartig die Entwickler die Story auch erzählen, schlussendlich ist sie ziemlich einfach, hanebüchen und chaotisch. Pseudo-Anspruch vermitteln die Autoren, mehr nicht. Allerdings besitzt der Verlauf fraglos seinen Unterhaltungswert, also auf einer trashigen Ebene.

Nach dem befremdlichen Anfang voller komischer Hintergründe nimmt El Shaddai schnell an Fahrt auf. Als Enoch rennt ihr durch die kreativen und fantastisch anmutenden Schauplätze, um überall Feinde zu bezwingen. Allerdings beschränkten sich die Programmierer auf ein extrem einfach gehaltenes Kampfsystem, das vor allem auf dem niedrigen Schwierigkeitsgrad kaum fordert. Ihr haut mit zwei verschiedenen Attacken auf die kuriosen Gestalten ein, später mit drei Waffenarten. Davon sind zwei für den Nahkampf und eine für den Fernkampf gedacht.

Hinter dem Gewand verstecken

Das Problem, das El Shaddai schlicht nicht hinter der großartigen Fassade verbergen kann, ist das simple Spielkonzept. Zu schnell habt ihr die Mechanismen durchschaut, wirklich anspruchsvoll ist das Metzeln nicht. Hier ein paar Kombos, da das effektive Blocken, gelegentliches Ausweichen. Mehr gibt’s nicht zu beachten. Wobei: Manchmal müsst ihr eure Waffen reinigen, wodurch Enoch kurzzeitig wehrlos in der Gegend herumsteht. Das soll so etwas wie Taktik in El Shaddai bringen. Und die Endbosse strengen gewaltig an, weil sie nicht durch Intelligenz, sondern durch pure Geduld zu zerlegen sind. Kurios ist ferner das Sterben des eigenen Helden: Drückt vier Knöpfe auf dem Controller gleichzeitig, prompt steht er wieder im Geschehen. Welchen Sinn das hat? Das bleibt ein Rätsel. Schwieriger wird das Wiederbeleben übrigens auch noch.

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Apropos: Puzzles oder clevere Spielelemente sucht ihr vergebens. Höchstens die 2D-Abschnitte, bei denen ihr in klassischer Jump&Run-Manier Hindernisse überwindet, bringen etwas Abwechslung in El Shaddai. Vor allem in den späteren Abschnitten sind diese außerordentlich knackig.

Und sonst? Tja, das ist das Problem. El Shaddai funktioniert, keine Diskussion. Die Auseinandersetzungen sind in den ersten Stunden launig, intuitiv und actionreich. Dazu gesellt sich ein formidabler Soundtrack mit erstklassigen Melodien. Und die Grafik. Diese ist bezogen auf die Technik wahrlich keine Sensation, aber das fällt bei den tollen Effekten, Lichtspielereien und den expressionistischen Orten nicht ins Gewicht. Nicht alle Tage seht ihr so etwas Künstlerisches in einem Spiel. Daran gibt es keinen Zweifel. Hier hat Takeyasu Sawaki, der Schöpfer von Okami, wieder etwas Großes erschaffen.

Lasst ihr euch von der Fassade blenden, seht ihr El Shaddai mit anderen Augen. Dann ist das Kämpfen nur Mittel zum Zweck, um der eigenwilligen Handlung zu folgen. Und ihr freut euch über lustige Easter Eggs, versteckte Levels und etliche Belohnungen, die in der Spielewelt verborgen sind. Die elf Kapitel dürftet ihr dann mit Genuss beenden und euch an dem höheren Schwierigkeitsgrad versuchen. Im Kern bleibt aber alles wie gehabt: El Shaddai kratzt nur an der Oberfläche des Möglichen. Es ist ein Action-Adventure ohne große Experimente.

Fazit

Es ist unfair, mit El Shaddai: Ascension of the Metatron zu hart ins Gericht zu ziehen. Natürlich ist der Titel spielerisch eintönig und dümpelt konzeptionell irgendwo im Mittelmaß herum. Die Kämpfe sind langatmig und an Abwechslung mangelt es. Den Hüpfpassagen fehlt es zudem an originären Elementen. Aber da ist dieses faszinierende Universum, das in den Bann zieht – wenn ihr euch darauf einlasst. Nur dann steigt die Spielspaßkurve in den grünen Bereich und ihr staunt nicht schlecht über die den Stil. Dieser kaschiert zwar nicht vollends die mangelnde Substanz, sorgt aber für genügend Freude mit El Shaddai. Habt ihr also eine Vorliebe für genial inszenierte Spielewelten und kommt ihr auch mit merkwürdigen japanischen Geschichten zurecht, dann solltet ihr dem Spiel eine Chance geben. Erwartet keine weltbewegenden Schlachten, sondern ein fantastisches Ambiente! Dann begeistert euch El Shaddai.

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