Ghost Recon

Ghost Recon: Wildlands

Während des Spielens von Tom Clancy’s Ghost Recon: Wildlands musste ich häufiger innehalten und die Umgebung betrachten. Nicht nur, weil sie so gut aussieht, sondern auch weil die Anlagen des Santa Blanca-Kartells gut bewacht werden und jede Gegner-Position zählt, möchte man lautlos vorgehen. Was alleine schnell ermüdete, wurde im Koop plötzlich zum Spaßgaranten. Warum das so ist, soll unser Test klären.

Auf nach Bolivien!

Wenn die CIA den Auftrag erteilt, als Mitglied der Ghosts-Spezialeinheit mit drei Kameraden nach Bolivien zu reisen, um das dort herrschende, Amerika mit Kokain überflutende und die Bevölkerung ausbeutende Santa Blanca Kartell zu zerschlagen, dann packt man eben Drohne und Fernglas in den Rucksack, zieht die taktische Weste an und macht sich auf die Reise in das immerhin zwanzig Provinzen umfassende Land. Dort müssen die Bereiche Produktion, Schmuggel und Sicherheit destabilisiert werden, ehe man sich dem Anführer des Kartells, El Sueño, entgegenstellen kann.  Dazu müssen zahlreiche kriminelle Anlagen infiltriert oder Mitarbeiter der Santa Blanca verhört, beziehungsweise festgenommen werden, ehe man sich den Unterbossen stellen kann. Erst dann ist der Weg frei. Blöd nur, dass man sich nicht nur gegen die Mitglieder des Kartells, sondern auch gegen das Militär, Unidad, zur Wehr setzen muss, die den Verbrechern gegenüber zwar nicht unbedingt wohlwollend gesinnt sind, aber unter Umständen doch kooperieren und somit den Ghosts, sowie den eher schlecht als recht bewaffneten Rebellen das Leben schwer machen können.

Die Geschichte des Spiel ist eher dünn und wenig überraschend gestaltet, auch wenn eine Handvoll Zwischensequenzen, sowie völlig optionale Videos durchaus interessante Ansätze offenbaren. Dennoch stehen Pathos und Patriotismus im Vordergrund, während man sich durch schwarz-weiß gezeichnete Handlungsstränge kämpft. Ein Grund hierfür ist natürlich auch der Protagonist des Spiels, der Anführer der Ghosts-Einheit, der zwar dank Charakter-Editor individuell gestaltet werden kann, aber in etwa so viel Persönlichkeit besitzt wie eine Karotte.  Da helfen auch die zahlreichen Anektoden und Unterhaltungen zwischen ihm und seinen Teamkameraden nicht, die eher zum Fremdschämen animieren, als Laune zu verbreiten. Zumal die ständige Wiederholung mancher Sprüche bereits nach ca. fünf Stunden einen Punkt erreicht hat, an dem man ihnen den Mund zukleben möchte.

Eine riesige Welt wartet

Bevor das alles allzu negativ klingen mag – vorallem bezogen auf die finale Wertung, die ihr ja bereits sehen könnt – wechseln wir mal zum erfreulichen und wohl wichtigsten Teil von Ghost Recon: Wildlands, dem Gameplay. Und das findet zuerst einmal in der größten offenen Spielwelt statt, die Ubisoft jemals erschaffen hat. Ernsthaft, glaubt mir, wenn ich euch sage, dass das virtuelle Bolivien ein riesiges, atemberaubend und schwindelerregend großes Land ist. Wer das Spiel zum ersten mal startet, sollte die ersten Spielstunden im Startgebiet verbringen und dann mal einen Blick auf die Karte werfen. Zoomt ruhig ganz langsam raus.

Ja, Bolivien ist riesig und bietet viele Stunden Spielspaß in immerhin 20 abwechslungsreichen Gebieten. Dank unterschiedlicher Wetterbedingungen und Tag-Nacht-Wechsel zaubert Ubisoft hier grafisch schön anzusehende Gebirge, Dschungel, Wälder und Städte aus dem Ärmel und ergänzt sie noch um Tempel, kleinere Dörfer und große Casinos. Da ist es auch nicht allzu tragisch, dass die Spielwelt selbst, also im Ganzen betrachtet, beinahe leblos wirkt. Ja, es sind Bürger auf den Straßen unterwegs, oder gehen ihrer Arbeit auf den Feldern nach. Aber mehr als schmückendes Beiwerk, das verhindern soll, dass man sich als Spieler in einer leeren Welt verliert, sind sie dann doch nicht. Wenn man darüber hinwegsehen kann – und das wird man zwangsläufig nach einer Weile – dass sich die meisten Zivilisten einfach nur deshalb bewegen, damit Bewegung auf dem Bildschirm ensteht und genügend Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, greift der Zustand, dass man sie einfach gekonnt ignoriert. Ob das so gewollt ist, weiß wohl nur Ubisoft, aber gerade am Anfang fand ich es eher störend, dass man sich in ein Lager schleicht, die Waffe im Anschlag auf dem Weg zu einer feindlichen Wache, während ein Zivilist an einem vorbeiläuft, als wäre es das normalste der Welt, dass vier schwerbewaffnete Amerikaner durch die Gegend streifen. Aber das hat schon in Far Cry 3 die Immersion gestört und das ist fünf Jahre später wohl immer noch ein Teil der berühmten Ubisoft-Formel.

Gleiches gilt für die repetitiven Nebenaufgaben und die zahlreichen Sammelgegenstände. Wer wirklich alles sammeln möchte, wird viele Stunden die Gegenden abgrasen und wer ständig genügend Rohstoffe bei sich tragen möchte, wird die gleichen vier, fünf Missionstypen immer wieder spielen. Diese sind dabei jedoch in sich spannend genug, um auch langfristig motivieren zu können. Und so wird – abgesehen vom Markieren einiger Konvois – die Wiederholung des Gleichen dann doch zu einer Herausforderung, wenn mehr Wachen oder besser positionierte Feinde ein taktisches Spielen voraussetzen. Und an dieser Stelle glänzt Ghost Recon: Wildlands und macht richtig viel Spaß.

Taktieren und Kämpfen zu viert

Wer zu diesem Zeitpunkt vielleicht bereits einen anderen Test zum Spiel gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass es häufig heißt: “Der Titel funktioniert sehr gut und die KI lässt sich hervorragend dirigieren. Man kann es aber auch im Coop mit bis zu drei weiteren Spielern angehen.” Ich drehe an dieser Stelle allerdings den Spieß herum und behaupte:

Ghost Recon: Wildlands ist ein verdammt guter (Taktik-) Shooter, den man auch alleine spielen kann – macht dann nur weniger Spaß.

Das liegt daran, dass eine KI, egal wie gelungen sie auch sein mag, niemals andere Spieler und vorallem die situative Spannung die sich aus dem menschlichen Miteinander und der Absprache ergibt, ersetzen kann. Das wird sich in Zukunft noch ändern, aber aktuell liegt uns eine mehr als solide künstliche Intelligenz vor, der man im Solo-Modus gezielt Anweisungen geben kann und die entsprechend agiert. Stellt man sich geschickt an und nutzt alle Optionen, wie beispielsweise den Synchronschuss, bei dem man Gegner mit Zahlen markiert und dann den Schussbefehl erteilt, kann man womöglich auch ganze Lager infiltrieren, ohne selbst den Abzug zu drücken. Allgemein reagiert die KI sehr gut und es lässt sich hervorragend mit ihr Planen.

Dennoch hatte ich den meisten Spaß mit drei weiteren Spielern im Team. Für den Test – und noch darüber hinaus – hatte ich das Vergnügen mit der immer gleichen Spielerkonstellation zu spielen. Dank des Charakter-Editors und den schnell zugewiesenen Rollen bestand unsere kleine Ghosts-Einheit aus einem älteren Hipster, der zwar häufiger starb, aber das aggressive Vorgehen dennoch nicht lassen wollte, einem auf Skydiving spezialisierten Model, das gerne zwischen den Missionen das Outfit ändert, unserem weiblichen Späher, der dank Drohnen blitzschnell das Lager auskundschaften konnte und einem Scharfschützen, äußerlich eine Mischung aus Solid Snake und Geralt von Riva, der auch gerne mal dank einem vorschnellen Schuss das ganze Lager alarmierte und unsere Mission so gefährdete.

Wem das nun zu chaotisch klingt, der darf aufatmen. Ghost Recon: Wildlands kann nahezu so gespielt werden, wie man sich das vorstellt. Natürlich wird taktisches Vorgehen belohnt, aber auch ein aggressiver Spielstil führt durchs komplette Spiel. Und wer das Chaos umarmen und sich wie in einem Just Cause durch ein Meer von Explosionen, wahnwitzigen Motorradstunts und aufgescheuchten Soldaten schwimmen möchte, der kann das eben auch tun. Auch hier liegt der Vorteil des Koop-Spiels auf der Hand. Je nach Lust und Laune könnt ihr so den Spielstil und im Menü den Schwierigkeitsgrad anpassen. Tolle Sache!

Wer sich spezialiseren möchte, kann Fertigkeitspunkte auf verschiedene Kategorien verteilen und neue Fähigkeiten freischalten. So ergeben auch plötzlich die zahlreichen Nebenaufgaben und Sammelgegenstände einen Sinn. Ohnehin sollte man dem Entwicklerstudio hoch anrechnen, dass – abgesehen von den im Spiel verstreuten Dokumenten – jeder Sammelgegenstand und jede Nebenaufgabe dem Spielfortschritt dienlich ist. So lassen sich neue Waffen verdienen, andere Ausrüstungsgegenstände oder Verbesserungen.

Zu viel des Guten?

Das Problem an der Sache ist, dass es womöglich aber doch zu viele besagter Gegenstände gibt. Klar findet man unglaublich viele Waffen und Waffenteile, die sich in einem übersichtlich gestalteten Ausrüstungsmenü (Gunsmith genannt) anpassen und austauschen lassen, aber warum sollte man das tun, wenn doch die Standard-Waffe reicht? Vielleicht ging es nur mir so, aber ich kam mit meinem schallgedämpften Sturmgewehr, das ich im Startgebiet ergattern konnte, so gut über die Runde, dass ich es mittlerweile nur noch mit einer neuen Zieloptik oder einem größeren Magazin erweitert habe. Ein Wechsel kam weder in Frage, noch war er bisher nötig.

Für Komplettionisten ein Muss, natürlich, und es verstecken sich zudem ein paar richtig gute Waffen im Spiel, die man dabei haben sollte, wenn man das ultimative Ausrüstungskit im Besitz haben möchte, aber für diejenigen, die “einfach nur” das Kartell zerschlagen möchten, für die ist es wie so oft in Open World-Titeln einfach zu viel des Guten. Kein Beinbruch, aber über die Sinnhaftigkeit kann gestritten werden.

Genügend Auswahl hat man auch bei den verschiedenen Fahrzeugen, die es zu steuern gibt. Motorräder, Jeeps, Familienkutschen, Helikopter, Flugzeuge und vieles mehr, warten darauf entdeckt und genutzt zu werden. Dabei steuern sich alle Fahrzeuge unterschiedlich und im Kern zwar sehr arcadig, aber auch gut. Ohnehin macht die Fortbewegung innerhalb des Spiels sehr viel Spaß, was auch an der enormen Weitsicht und Vielfalt des Titels liegt.

Technik & Detailgrad

Grafisch braucht sich Ghost Recon: Wildlands auf keinen Fall zu verstecken. Auch wenn manche Texturen matschig wirken, oder erst verzögert nachladen, ist das alles verkaftbar, da das Spiel durch detaillierte Umgebungen und die erwähnte Weitsicht absolut punkten kann. In Kombination mit den Licht-, Nebel- und Wassereffekten versetzt es einen auch durchaus mal ins Staunen. Störender sind da hingegen die vereinzelten Ruckler und mitunter auftretendes Tearing. Dieses bewegt sich allerdings in Relation zur Größe des Spiels in einem vernachlässigbaren Rahmen.

Problematischer fand ich die Inkonsistenz bei den Details. Wenn man auf die Scheiben von Fahrzeugen schießt und diese nur Einschusslöcher hinterlassen, statt zu zerplittern, finde ich das schade, wenn man in manchen Umgebungen allerdings auf Wände schießt und es hier nicht mal mehr Einschusslöcher gibt, finde ich das schon eher seltsam. Das stört natürlich nicht den Spielfluss, ist aber dennoch schade. Vielleicht handelt es sich dabei auch um ein Problem der getesteten PlayStation 4-Version des Spiels, beziehungsweise der Konsolenfassungen. Sonst sieht Wildlands aus, wie man es vom einem AAA-Ubisoft-Titel erwartet: Grafisch und technisch auf hohem Niveau!

Fazit

Tom Clancy’s Ghost Recon Wildlands ist für mich vorallem eines: Der nahezu perfekte Open World-Koop-Spielplatz, der leider unter der ständigen Wiederholung der Einsatzziele und Nebenmissionen leidet. Was in einer Gruppe aus bis zu drei menschlichen Mitspielern nicht allzu sehr auffällt, ist gerade im Solo-Modus, wenn man nur mit der KI unterwegs ist, mehr als ärgerlich. Da täuschen dann auch die gigantische Spielwelt und die damit verbundene Spielzeit nicht drüber hinweg.

Hätte der Titel nochmals mehr Abwechslung zu bieten und wäre die Flut an Waffenteilen reduziert und somit durch mehr offensichtlich bessere Ausrüstung ersetzt worden, Wildlands wäre locker im 90er-Bereich gelandet. Aber auch so ist es ein richtig toller Shooter, der sowohl taktisch, als auch aggressiv angegangen werden kann. Dieser offene Ansatz ist es letztlich auch, der dauerhaft motiviert und aus dem aktuellsten Tom Clancy-Spiel auch das beste seit langer Zeit macht.

Also schnappt euch ein paar Freunde und befreit Bolivien vom Santa Blanca-Kartell. Ich verspreche euch, die Reise lohnt sich.

Tom Clancy’s Ghost Recon Wildlands wurde dank einer von Ubisoft bereitgestellten Promo-Version getestet!

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