Gravity Rush 2

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Am 18. Januar diesen Jahres wurde der erste große Exklusivtitel für die PlayStation 4 veröffentlicht. Dabei handelt es sich um den direkten Nachfolger zu einem Kulttitel, der bereits 2012 das erste mal veröffentlicht wurde. Was? Ihr wisst nicht, was ich meine? Als Tipp: Richtig schöne Grafik, tolles Artdesign, eine innovative Art der Steuerung und Fortbewegung. Immer noch nicht? Mensch, da verpasst ihr aber was, denn Gravity Rush 2 ist ein richtig gutes Spiel!

Wer sich während der Einleitung nur den Kopf kratzen konnte und so gar keinen Verdacht hatte, worum es sich handelt, der ist auf keinen Fall alleine. Gravity Rush war und ist – als es 2012 für die PS Vita veröffentlicht wurde, genauso wie im letzten Jahr, als uns Sony ein Remaster für die PlayStation 4 spendiert hat – ein Geheimtipp. Auch wenn mir die genauen Verkaufszahlen aktuell nicht vorliegen, wage ich zu behaupten, dass diese in beiden Variationen nicht allzu berauschend ausgesehen haben. Umso mehr spricht es für Sony als Publisher, dass man einem direkten Nachfolger, der auch von der Geschichte genau dort ansetzte, wo man im letzten Jahr (oder vor mehr als vier) aufgehört hat, grünes Licht gegeben hat. Ein mutiger, wenngleich auch wohl kalkulierter, Schritt, der sich für mich als Verfasser dieser Zeilen, absolut gelohnt hat:

Gravity Rush 2 macht so ziemlich alles besser als sein Vorgänger, führt Handlungsstränge und Charakterenticklung konsequent fort, bleibt beim knuffigen Cel-Shading-/Manga-Style und den Motion Comic-Zwischensequenzen. Die Steuerung wurde verbesert, die Spielwelten vergrößert und mit mehr Leben gefühlt und sinnvoll integrierte Multiplayer-Modi eingebaut, die man aber auch komplett vernachlässigen kann, wenn man möchte. Dazu gesellen sich hier und da generelle Verbesserungen und Anpassungen, die das Gesamtpaket nochmals stimmiger gestalten.

Und nein, dies ist nicht bereits das Fazit, liebe Leser, sondern ein Anhaltspunkt für all diejenigen, die generell interessiert sind, aber bisher vielleicht noch gezögert haben das Spiel zu kaufen. Denn Gravity Rush 2 ist vieles, aber vorallem eines, nämlich der positiv besetzte Inbegriff einer Fortsetzung. Größer, schöner, besser. Und dennoch genauso für Kenner des Vorgängers geeignet, wie für Neueinsteiger – und das obwohl die Geschichte genau dort ansetzt, wo sie einst aufgehört hat…

Vom Himmel in die Minen

Oder nun ja, nicht so ganz. Bevor wir nämlich mit Protagonistin Kat zumindest spielerisch dort weitermachen können, wo der erste Teil endete, werden wir mit einem unwahrscheinlich drögen und, nennen wir es doch beim Namen, langweiligen Tutorial konfrontiert. Ein Minenarbeiter wird im schweren Stahlanzug in eine Mine geschickt, um Erz abzubauen. Die Credits flimmern über den Bildschirm, während man im Schneckentempo voranschreitet. Schritt für Schritt folgt man einem anderen Arbeiter. Das Ziel? So viel Erz wie möglich abbauen, immerhin möchte man doch nicht hungern. Als ein gefährlicher Gravitationssturm ausbricht, entledigen die zwei Arbeiter sich ihrer Anzüge und enpuppen sich als Kat und der ebenfalls aus Teil 1 bekannte ehemalige Polizist Syd. Über einstürzende Brücken und sich verschiebende Wege retten die beiden sich in letzter Sekunde vor dem Sturm und landen wieder in der schwebenden Siedlung, in der sie aktuell als Arbeiter untergebracht sind.

Schnell wird klar, dass Kat, Syd und Raven durch einen Gravitationsstrudel aus ihrer Heimatstadt in eine andere Welt gesogen wurden und dort nun ein neues Leben führen müssen. Mehr noch, wurden Kat und Syd nicht nur von Raven getrennt, deren Aufenthaltsort unbekannt ist, sondern auch Kats Katze  Dusty ist verschwunden, was wiederum bedeutet, dass die einstige Gravikönigin keine ihrer Kräfte nutzen kann. Somit sind sowohl sie, als auch die Spieler, erst einmal an den Boden gebunden.

Und auch wenn ich an dieser Stelle langsam einen Gang zurückschalte, was das Zusammenfassen der Handlung angeht, sollte dennoch Erwähnung finden, dass es nicht allzu lange dauert, ehe Kat ihre Kräfte zurückgewinnt. Und auch wenn ab diesem Zeitpunkt mehr Kämpfe gegen die Nevi – oder von den dortigen Bewohnern auch Skarabäen – genannten Dämonenwesen, Zeitrennen und die freie Bewegung in alle erdenklichen Richtungen in den Vordergrund gerückt werden, dauert es noch eine lange Zeit, ehe man sich erleichtert zurücklehnt und sich sagen hören kann “Endlich ist das Tutorial vorbei.”

Dann öffnet sich das Spiel in seiner Gänze, die Geschichte nimmt an Fahrt auf und Kat, ja Kat, tut das endlich auch. Nicht falsch verstehen, die erzählte Geschichte ist gewiss kein Meisterwerk, auch wenn sie ungerechte Besitzverteilung und das ewige schwarz-weiß gemalte Geplänkel zwischen Gut und Böse mit einer gewissen Leichtigkeit aufgreift, aber sie fesselt doch genug, um sie weiter verfolgen. Und auch Kat bleibt ihren im Vorgänger eingeführten Charakterzügen treu. Sie ist liebenswert naiv, mitunter ein bißchen trottelig, ungeschickt und insgesamt eher zweidimensional, aber darüber sieht man gerne hinweg. Denn die Tiefe, die gefühlte Dreidimensionalität kommt durch die Art der Fortbewegung und die damit verbundene Freiheit.

Alles steht Kopf 2.0

Ich habe es in meinem Test zu Gravity Rush Remastered schon angedeutet und möchte es an dieser Stelle nochmals mit Nachdruck betonen: Die Art der Fortbewegung, die Fähigkeit Kats jederzeit durch Knopfdruck die Schwerkraft auszuhebeln und in jede beliebige Richtung “fallen” (auch wenn es sich wie Fliegen anfühlt) oder an den Wänden, Böden und Decken entlanggleiten zu können, ist für mich die schönste und effektivste Nutzung des virtuellen, dreidimensionalen Raums seit Super Mario 64. Selten wurden seitdem Level so passgenau auf die Steuerungsmöglichkeiten angepasst und noch seltener war das vermittelte Gefühl der Erkundung wegen zu erkunden so angenehm einladend.

Und Jirga Para Lhao, so heißt das gesamte begehbare Areal, lädt dazu ein, wie kaum eine andere Spielwelt. Natürlich sind Velen, Skellige und nicht zuletzt Toussaint aus The Witcher 3 die stimmungsvolleren, realistischeren und vorallem lebendigeren Areale, aber wenn man sich in Gravity Rush 2 vom durchaus belebten und in mehrere Inseln aufgteilten Martkdistrikt ausgehend einfach mal in die Tiefe fallen lässt, Wolkenfetzen an einem vorbeiziehen, die Luft beinahe greifbar dick und neblig wird und melancholische Töne einsetzen, während sich Kat für die Landung bereit macht, dann ist das eine verdammt intensive Erfahrung. Und wo es nach unten geht, kann man auch wieder nach oben. An der Spitze des Gebietes warten nämlich noch die Inseln der oberen Klasse mit ihren Villen, Gärten und Wasserspielen darauf entdeckt und erkundet zu werden.

All das ist vollkommen an Kats Bewegungsrepertoire angepasst. Und wem das zu viel von “more of the same” ist und sich im Vorgänger irgendwann bereits satt gespielt hatte, für den haben die Entwickler noch die ein oder andere Überraschung parat. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber eine zweite Art der Fortbewegung gibt es zum Beispiel auch noch. Durch den Lunar-Stil wird Kat insgeamt leichter und kann so gigantische Sprünge vollziehen, von Oberflächen abprallen, oder sich weit nach vorne katapultieren. Auch das macht richtig viel Spaß und da auf Knopfdruck jederzeit zwischen den Stilen gewechselt werden kann und darf, eine sinnvolle Ergänzung.

Viel zu tun – auch dank Multiplayer

Neben der Story kann man sich auch jederzeit an Herausforderungsmissionen versuchen. Diese fordern quasi die gesamte Bandbreite von Kats Moveset und sind wie so oft optional, bieten aber Belohnungen in Form von kostbaren Kristallen. Da man diese dringend benötigt, um neue Fähigkeiten freizuschalten, und sie nicht nur kostbar, sondern auch eher selten in großen Mengen innerhalb der Spielwelt zu finden sind, muss man sich der Herausforderungen zwar nicht annehmen, aber es beschleunigt den Fortschritt dennoch. Man kann sich in klassischen Zeitrennen versuchen, in Arenen gegen Gegner antreten, oder dank des Gravitationsfelds Gegenstände – auch gerne mal Zeitungen – an einen bestimmten Ort liefern.

Alles in allem wird hier schon genügend Abwechslung geboten, aber es gibt ja auch noch die Nebenmissionen, innerhalb derer einige kleine Geschichten erzählt und neue Seiten bekannter Charaktere beleuchtet werden. Natürlich dreht sich auch hier alles um Kats Fähigkeiten, plus der heutzutage anscheinend unvermeidlichen Stealth- und Schleichpassagen (die man sich echt hätte sparen dürfen. Sorry, Sony. Da krankt es einfach an zu vielen Ecken) aber sie sind dennoch ein (meist) liebevoll inszenierter Zeitvertreib.

Völlig unerwartetet hat sich allerdings der asynchrone Multiplayer-Part von Gravity Rush 2 in mein Herz geschlichen. Dieser geht einen schönen Weg und beschränkt sich nicht nur darauf, dass man seine Bestzeiten oder den Highscore der Herausforderungen hochladen kann, um sich weltweit mit anderen Spielern zu messen, sondern es gibt mit den sogenannten “Dusty Tokens” eine eigene Währung, durch deren Sammeln man sich diverse, rein kosmetische, Boni erspielen kann. Das geht einmal und überwiegend über “Schatzjagden”, die einer so simplen Idee folgen, dass ich niemals gedacht hätte, dass sie eine meiner Lieblingsbeschäftigungen werden würden. In der Spielewelt versteckt sind Schatztruhen, die man finden und öffnen kann. Darin versteckt sind einerseits kostbare Juwelen und andererseits die erwähnten Dusty Tokens. Klingt banal? Ja, wird aber durch einen einfachen Trick zum absoluten Motivationsbringer: Hat man eine Schatztruhe geöffnet, darf und sollte man den Fotoapparat nutzen – den man sehr früh im Spiel erhält – um ein Bild zu schießen, das Hinweise auf den Standort der Truhe gibt. Das Bild lädt man nun hoch und es landet durch Zufall bei anderen Spielern. Wenn sie den Hinweisen nun folgen und die Truhe finden, bekommt man selbst einige Dusty Tokens, genauso wie der Finder, der wiederum ein Foto machen darf und sollte. Und so weiter … Man selbst wird im Spiel auch benachrichtigt, wenn das Schatz-Jagd-Foto eines Fremden zur Verfügung steht.

Besonders reizvoll und fordernd an der Sache ist, dass man keinen Markern oder Mini-Map-Einträgen folgen kann. So bleibt nur das Foto mit der Spielumgebung zu vergleichen. Um die Sache zu vereinfachen hört man einen lauter werden Sound, wenn man sich dem Ziel nähert. Wie gesagt, simpel aber irgendwie genial.

Aber auch so kann man den Fotoapparat jederzeit auspacken und dank Stativfunktion vor so ziemlich jedem Hintergrund fotografieren. Die Schnappschüsse lassen sich dann direkt mit der Welt teilen und von dieser bewerten. Der Lohn, ebenfalls Dusty Tokens.

Verkrampfende Kämpfe

Leider hat man nicht nur alles Positive des Vorgängers übernommen, sondern auch die Kämpfe. Nicht dass diese generell schlecht wären, das nicht. Aber sie machen auch nur selten richtig viel Spaß. Dabei gilt weiterhin das abgespeckte Zelda-Kampfystem. Gegner haben rot leuchtende Schwachstellen, die attackiert werden müssen. Meistens sind diese sofort sichtbar und stecken nur ein paar Treffer ein, bevor die Nevi und neuerdings auch menschliche Gegner, beziehungsweise Kampfroboter, das Zeitliche segnen. Manchmal muss man allerdings erst buchstäblich den Panzer knacken, ehe man dem Feind den Garaus machen kann.

Um das zu bewerkstelligen stehen Kat diverse Tritt-Manöver zur Verfügung, dank derer man auch Combos zaubern kann. Ob auf dem Boden stehend, aus dem Schwebezustand heraus oder mittels Teleportation, die Gravikönigin kann gut austeilen. Ist ein spezieller Balken gefüllt, kann sie zudem beeindruckende Spezialattacken ausführen, dank derer sich gleich mehrere Gegner vom Bildschirm verabschieden dürfen.

Leider seind weder die Kamera, noch die automatische Lock-On-Funktion die größten Freunde des Spielers. Nicht selten verliert man die Gegner aus den Augen oder wuchtige Attacken gehen einfach ins Leere. Das ist ärgerlich und frustrierend. Gerade bei den sonst eindrucksvoll inszenierten Bosskämpfen, vergeht einem da auch schnell mal die Lust.

Schade, dass hier nicht nachgebessert wurde.

Grafik, Sound und Artdesign

Technisch ist Gravity Rush 2 irgendwie schon eine Klasse für sich. Das Spiel sieht super aus, was natürlich auch dem nicht allzu detaillierten Cel-Shading-Look zu verdanken ist und läuft weitestgehend flüssig. Ja, hier und da bricht die Framerate mal ein und Pop-Ups stören das Gesamtbild doch, aber darüber lässt sich nicht zuletzt auch aufgrund des tollen Artdesigns hinwegsehen. Es ist kein perfektes Spiel, aber ich wage zu behaupten, dass das auch nicht existiert.

Der Soundtrack ist durchwachsen, aber tendenziell sehr gelungen. Manche stücke klingen, als würden sie einer besonders kitschigen Episode des Traumschiffs enstammen, während die melancholischen und orchestralen Stücke einen wundervollen Eindruck hinterlassen habe. Letztlich immer Geschmackssache, aber genervt hat mich keiner der Tracks.

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FAZIT

Gravity Rush 2 ist nicht nur der erste Exklusivtitel des Jahres, sondern auch noch ein durch und durch beeindruckender. Der Schwierigkeitsgrad mag für erfahrene Spieler mitunter zu gering ausfallen und die technische Seite hätte gewiss noch etwas Feinschliff vertragen können, aber all das, sowie die zickige Kamera werden schnell ausgeblendet, wenn man dem Titel nach dem unglaublich zähen Einstieg eine Chance gibt. Knapp vierzig Stunden nachdem ich das Spiel das erste mal gestartet habe, bin ich immer noch begeistert und lasse mich und somit Kat gerne einfach mal durch diese durchgestylte und clever designte Welt treiben. Oder fallen. Oder fliegen. Oder unwahrscheinlich weit springen.

Denn so stimmig ist das Gesamtbild, dieser konzeptionelle Ansatz ein wunderschönes Spiel um eine der innovativsten Fortbewegungsmöglichkeiten seit gefühlten Ewigkeiten herum zu spinnen. Abzüge gibt es einzig wegen der erwähnten Unzulänglichkeiten und der nicht zu Ende gedachten Stealth-Mechaniken. Ansonsten gilt: Kauft euch das Spiel, denn ich hätte gerne einen dritten Teil.

Solltet ihr darauf keine Lust haben, dann ladet euch zumindest die kostenlose Demo aus dem PlayStation Store und gebt dem Titel eine Chance.

Gravity Rush 2 wurde dank eines von Sony bereitgestellten Codes auf der Standard-PlayStation 4 getestet.

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