Mighty No. 9

Der von Comcept entwickelte Action-Plattformer Mighty No. 9 hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. Nicht nur Keiji Inafunes Ankündigung einen spirituellen Nachfolger zur eigenen Schöpfung Mega Man, dessen Rechte nach wie vor bei Capcom liegen, zu entwickeln sorgte für reichlich Aufruhr in der Spielewelt, sondern auch der Verlauf der äußerst erfolgreichen Kickstarter-Kampagne. Unzählige Verschiebungen, falsch oder gar nicht ausgelieferte Kickstarter-Belohnungen und nicht flüssig laufende Versionen sorgten für Unmut, um es mal vorsichtig auszudrücken. Nachdem das Spiel im Jahr 2015 erscheinen sollte, konnten wir nun ein Jahr später endlich selbst Hand anlegen und wollen von vorneherein eines klar stellen: Die Entwicklungsgeschichte von Mighty No. 9 ist für diesen Test absolut irrelevant, wird nicht mehr erwähnt werden und demnach auch nicht in die Wertung einfließen. Ob uns das Game deshalb vollends überzeugen kann oder nicht, soll das folgende Review klären.

Aufstand der Maschinen

Die Geschichte von Mighty No. 9 ist schnell erzählt, wenig einfallsreich und dient dem reinen Selbstzweck. Was jetzt erst einmal vernichtend klingen mag, ist dabei kein Negativpunkt. Da sich das Spiel als spiritueller Nachfolger von Mega Man versteht,  dürfen auch Abstriche in der Story erwartet werden. Als der kleine Roboter 1987 das erste Mal in einem Videospiel unterwegs war, las sich die Handlung wie folgt:

Im 21. Jahrhundert erschafft Dr. Thomas Light den Androiden Mega Man und eine Haushälterin Roll. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Wily entwickelt er sechs weitere solcher Roboter, die als Aufseher für einfache Arbeitsmaschinen dienen sollen. In einem Anflug von Größenwahn verändert Dr. Wily die Programmierung dieser als “Robot Masters” bezeichneten Aufseher und möchte mit ihrer Hilfe die Weltherrschafft übernehmen. Es liegt an Mega Man diese Pläne aufzuhalten.

Zeitsprung zurück ins Jahr 2016 und zur Story des aktuellen Titels:

Im Jahr 20XX hat der Wissenschaftler Dr. White neun Roboter erschaffen, die sogenannten Mighty Numbers, die in einem Kampf-Kololsseum zur Unterhaltung der Menschen gegeneinander kämpfen. Als ein Virus diese befällt, drehen sie durch und übernehmen die Kontrolle über wichtige Einrichtungen der Menschen. Einzig die Nummer 9, ein Android namens Beck, scheint unanfällig gegen den Virus und muss seine ehemaligen Teamkameraden aufhalten.

Mighty Mega

Ähnlichkeiten sind dabei gewiss kein Zufall, sondern sollen nostalgische Gefühle wecken. Und das funktioniert! Auch wenn man im Jahr 2016 durchaus intelligentere, emotionalere und komplexere Geschichten gewohnt sein mag, so versprüht die von Might No. 9 jenen Retrocharme, den man von solch einem Titel erwarten sollte. Schade ist allerdings, dass es während der Zwischensequenzen weder Animationen noch sichtbare Emotionen gibt, sondern diese lediglich durch Standbilder vorangetrieben werden. Wenn man sich schon die Mühe gibt eine Geschichte zu erzählen, sollte zumindest die Präsentation stimmen.

Fiese Level…

Auch spielmechanisch bleibt sich Inafune treu. Beck springt, klettert und schießt wie sein blauer Kollege damals von links nach rechts und umgekehrt. Er kann sich an Vorsprüngen festhalten und es ist ihm unmöglich nach oben oder diagonal auf Feinde zu ballern. Das wirkt erst mal sehr einengend, wenn man sich daran gewöhnt hat höher platzierte nur zu treffen, wenn man springt und in der Luft nach links oder rechts feuert, sieht man es allerdings als zusätzliche Herausforderung an. Nicht dass diese nötig wäre, sind die Level ohnehin nicht gerade einfach. Jedes der Level (mal abgesehen vom Einführungslevel, das als Tutorial fungiert) ist einem Roboter mit einem bestimmten Element oder einer nützlichen Fähigkeit zugewiesen, die man nach dem bezwingen des entsprechenden Bosses ganz klassisch absorbiert und danach nutzen kann. Der Schwierigkeitsgrad der Level schwankt dabei vom Spaziergang bis zur Reise in die Hölle – gerne passiert der Wechsel auch mal mitten im Level – was frustrierend sein kann, um es mal milde auszudrücken. Um es weniger milde auszudrücken: Ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz, wenn ich nach zig Versuchen trotzdem nicht weiter gekommen bin. Und wenn diese Controller nicht so unverschämt teuer wären, sie wären geflogen wie einer dieser Vögel.

Schaffbar sind die Stages aber alle, wenn man nur genug übt und das Timing perfektioniert. Nützlich ist auch immer der Dash, der Beck in die ein oder andere Richtung fliegen lässt und mit dem sich geschwächte Gegner absorbieren lassen. Ansonsten sind die Level nett präsentiert und bieten genügend Abwechslung. Mal ist man unter Wasser unterwegs, ein anderes Mal pfeifen einem Windböen kräftig um die Ohren und erschweren das Vorankommen und dann sind da noch fiese Fallen und Hindernisse, wie einstürzende Türme, die auch schnell mal vor das vorzeitige Game Over sorgen.

Schön ist, dass man den Spieler nicht an die Hand nimmt. Wer es einfacher haben möchte, nimmt sich der vorgeschlagenen Level an, da man durch Erlegen bestimmter Bosse und die dadurch erhaltenen Fähigkeiten in anderen Level Vorteile hat. Wer zum Beispiel den Feuerboss erledigt, wird leichter durch das folgende Eislevel dashen. Wer es härter mag, pfeift auf die empfohlene Reihenfolge und erledigt die Stages nach eigenem Gusto.

… Fordernde Bosse

Die diversen End- und Zwischenbosse gehören ganz klar zum Highlight des Spiels. Sie alle haben eigene Taktiken und Movesets, mit denen sie einem ordentlich einheizen können. Mehrere Phasen sorgen zudem für Überraschungen, wenn man gerade meint den Gegner durchschaut zu haben. Und ehrlich, einige davon sind so fies und knallhart, dass ich des öfteren mit schweißnassen Händen kämpfen und Jubelschreie unterdrücken musste, wenn ich sie dann doch mal erledigt hatte. Das ist nicht “nur” Retro-Feeling (Früher war ja alles besser™ = Knallhart), das ist ganz einfach tolles Spieldesign. Auch wenn die Präsentation und das Design auch hier blass und die Arenen mitunter lieblos sind, greifen die spielmechanischen Zahnräder einfach nur perfekt ineinander. Das ist bei aller Kritik, die noch kommen mag, ein Pluspunkt, der ordentlich Einfluss auf die Wertung hat.MN9 03

Technik & Sound

Wie einige von euch vielleicht wissen, ist mir die Technik nicht so wichtig, wie beispielsweise das Artdesign und die Präsentation. Leider krankt Mighty No. 9 in allen erwähnten Bereichen. Grafisch gibt man sich keine Mühe zu verschleiern, dass das Spiel sowohl für die letzte Generation als auch für diverse Handhelds in Entwicklung war und man einen Kompromiss finden musste. Partikeleffekte und Explosionen sehen heutzutage mitunter einfach nur peinlich aus und wären in dieser Form vielleicht in einem Spiel aus den frühen 90ern gelandet. Das Artdesign reicht von okay bis ganz nett, wird aber niemandem langfristig betrachtet im Gedächtnis bleiben. Zu sehr zitieren Inafune und die anderen beteiligten Designer sich selbst und bereits existierendes, als das sie etwas neues oder erinnerungswürdiges schaffen würden. Über die Präsentation wurden ja schon ein paar Worte verloren, deshalb nur ganz kurz: Retro hin oder her, das Gebotene ist einfach zu wenig. Auch Standbilder können teilanimiert sein und kleinere Sequenzen können Ingame dargestellt werden. Und auch wenn das Fehlen solcher Details nichts am Spielspaß ändert, hätte man da einfach mehr bieten können und müssen, wenn man sich gegen die Konkurrenz hätte durchsetzen wollen. Der Soundtrack ist gelungen, wirkt aber auch allzu beliebig. Dafür überzeugen die diversen Soundeffekte und erzeugen ein nostalgisches Gefühl.

 

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FAZIT

Mighty No. 9 ist vielleicht nicht der ganz große Wurf geworden, aber ein durchaus spaßiges und mindestens ebenso herausforderndes Spiel. Weder habe ich gebacked, noch hatte ich irgendwelche Erwartungen an das Spiel. Und dennoch wurde ich positiv überrascht. Hätte man sich nur nicht so viel Mühe gegeben in den großen Fußstapfen der Vergangenheit wandeln zu wollen und mehr mit Neuerungen und innovativen Ideen experimentiert, der “spirituelle Nachfolger” hätte sich aus dem Schatten des Vorbilds lösen können. So bleibt Mighty No. 9 ein gelungener Klon des blauen Androiden und die Erkenntnis, dass Beck eben nicht Mega Man ist. Dessen Fans sollten aber auf jeden Fall einen Blick riskiert, alle anderen können aber auch zuschlagen, wenn sie sich nach einem Plattformer mit Anleihen der “Alten Schule” sehnen.

 

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