Mirror’s Edge Catalyst

Da ist sie wieder: Faith, die Runnerin aus dem 2008 erschienenen Kulttitel Mirror’s Edge, die zwielichtige Aufträge übernimmt. Ich wusste bis zur geschlossenen Beta vor einigen Monaten gar nicht, wie sehr ich sie vermisst hatte. Und jetzt, nachdem ich mit dem Nachfolger Mirror’s Edge Catalyst durch bin, bin ich mir nicht mehr sicher, wie ich die nächsten Wochen, Monate oder gar Jahre ohne dieses nahezu perfekte Parcours-Gameplay weiter machen soll. Aber Moment, da sind ja auch noch dieser aufgesetzte Talentbaum, die offene Welt und der damit verbundene, völlig unnötige Sammelkram.
Warum mir Mirror’s Edge Catalyst unterm Strich in sehr guter Erinnerung bleiben wird, klärt unser Test.

Damals und heute

Mirror’s Edge war vor knapp acht Jahren vieles, aber gewiss kein Hit. Die Spielzeit war knapp, die minimalistische Optik zwar schick, aber irgendwie eher Mittel zum Zweck und die Story zwar nett, aber mehr auch eben nicht. Was es allerdings von anderen Titeln abhob, war die komplexe, aber dennoch leicht zu erlernende Steuerung, die Faiths – so der Name der Protagonistin – Bewegungen einen unwahrscheinlich authentischen Flow verliehen. Aus der Ego-Perspektive führte man mit Leichtigkeit Wallruns aus, schlitterte unter Rohren hinweg oder sprang über Gegner hinweg. Das genügte schon, um eine treue Fanbase zu erschaffen, wenngleich der kommerzielle Erfolg ausblieb.
Umso verwunderlicher war es also, dass EA 2013 mit Mirror’s Edge Catalyst einen Nachfolger zum Nischendasein führenden Titel ankündigte.

Zurück ins Jahr 2016: Aus einem Nachfolger wurde ein Reboot der Marke. Entwickler DICE verzichtet darauf die Handlung des ersten Spiels aufzugreifen, sondern nutzt einen Neustart, um den Spieler mitten in die Stadt Glass zu werfen.
Beziehungsweise eigentlich in ein Gefängnis, in welchem das Spiel beginnt. Warum Faith dort gelandet ist, erklärt einem Mirror’s Edge Catalyst leider nicht, dafür muss man sich den entsprechenden Comic separat erwerben. Darauf habe ich zwar verzichtet, da Faith aber schon im Intro aus dem Knast entlassen wird, hatte ich auch nicht den Eindruck viel verpasst zu haben.
Kaum draußen beginnt der Stress auch schon wieder. Es müssen in dieser schönen neuen Welt Jobs auf den Dächern der sonst totalitär regierten Stadt erfüllt, Wachen der despotischen Firma KrugerSec ausgeschaltet und eine Schuld beglichen werden.

Mirrors-Edge-Catalyst-01

Die Handlung

Rein von der Handlung gewinnt Catalyst vielleicht keinen Preis, bleiben die Nebenfiguren doch zu blass, und dennoch möchte man immer wissen wie es weitergeht. Das liegt zum einen an der hervorragenden deutschen Synchronisation und zum anderen an der Art wie man die Geschichte erzählt. Das mag niemals großes Arthouse-Kino sein, spricht aber gewiss jeden Actionfilmfan mit einigen Twists und eingestreuten Rückblenden an.
Die Story bleibt ein zweischneidiges Schwert, wusste ich in manchen Situationen beispielsweise gar nicht warum ich tat, was ich da tat, einfach weil ich während der Videosequenz schon abgeschaltet hatte, während mich andere Sequenzen durchaus fesseln konnten.
Wer Mirror’s Edge Catalyst aber nur wegen der Handlung oder tiefsinniger Charaktere spielen möchte, ist ohnehin falsch.
Denn eigentlich geht es doch nur um eines: Um das völlig losgelöste Rennen, Klettern, Springen und Rutschen in der offenen Welt.

Lauf, Faith, lauf!

Und an dieser Stelle – und das kann man womöglich nicht oft genug erwähnen – trumpfen die Entwickler bei DICE gnadenlos auf. Ein Dying Light mag zwar ebenfalls Parcours-Mechaniken bieten, aber so gut wie in Mirror’s Edge Catalyst gingen diese noch nie von der Hand. Wer den Vorgänger gespielt hat, wird sich sofort zurecht finden, denn die Grundsteuerung ist weitestgehend gleich geblieben.
Aber auch Anfänger werden sich nach dem ausführlichen Tutorial, vielleicht noch zögerlich, aber dennoch halbwegs flüssig fortbewegen und spätestens wenn sie das erste mal frei über die Dächer von Glass hechten dürfen, schon eine gewisse Vertrautheit entwickelt haben.
Dabei hat der Entwickler die Steuerung sinnvoll erweitert und um Nuancen ergänzt. Ob man sich beispielsweise über eine Kiste hinweg katapultiert oder mit angezogenen Beinen darüber springt, kann man jederzeit selbst entscheiden.
Schade nur, dass sich viele Fähigkeiten hinter entsprechenden Talentbäumen verstecken. So müssen erst zahlreiche Aufgabe abgeschlossen werden, ehe man das komplette Repertoire beherrscht, was besonders in Kämpfen nerven kann, die ohnehin – trotz der immensen Verbesserung gegenüber dem Vorgänger – ein Dorn im Auge bleiben.

Ich will gar nicht kämpfen

Zwar wurde der Einsatz von Handfeuerwaffen komplett gestrichen, aber dennoch wirken die Kämpfe im Vergleich zu den sonst so flüssigen Bewegungsabläufen irgendwie hölzern und mitunter sogar albern. Leichte und schwere Angriffe im Nahkampf, dazu ein paar freischaltbare Moves – das war es auch schon.
Besser funktioniert das ganze schon, wenn man sein komplettes Moveset nutzt und so zum Beispiel Wachen nach einem Lauf an der Wand, gefolgt von einer schnellen Drehung, ausschaltet oder auf einen bewaffneten KrugerSec-Wachmann zu schlittert und diesem noch auf dem Boden liegend einen gezielten Tritt verpasst.
Trotzdem hatte ich nie besonders viel Spaß an den Kämpfen und war sehr froh, dass es nur einige Situationen im Spiel gab, in denen man in Arenen gegen einige der Wachen antreten musste.
Meistens nämlich kann man einfach die Beine in die Hand nehmen und sein Glück in der Flucht suchen. Das funktioniert dank des Fokus-Schilds, eine Art Schutzschild, das man aufbaut, wenn man in ständiger Bewegung bleibt, hervorragend und unterstreicht nur nochmals die Mühe, die in die Ausarbeitung der Steuerung geflossen ist.

Verloren in der Stadt?

Wer sich nicht nur den toll inszenierten Hauptmissionen der knapp 12 Stunden dauernden Kampagne widmen möchte, kann sich in zahlreichen Zeitrennen versuchen, versteckte Dokumente und Audio-Nachrichten sammeln oder sich Erfahrung verdienen, indem er Hol- und Bringaufgaben erfüllt. Unter Zeitdruck muss man diverse Gegenstände von A nach B transportieren, entweder ohne den Gegenstand zu zerbrechen, indem man einen harten Aufprall aus großer Höhe vermeidet, oder ohne von Gegnern oder Überwachungskameras gesichtet zu werden. Manchmal geht es auch nur gegen die Zeit.
Diese ist eigentlich immer knapp bemessen und während die Fortbewegungsmöglichkeiten von Faith auch hier ihr volles Potential ausschöpfen und man solche Aufträge immer wieder gerne startet, um doch noch ein paar wertvolle Sekunden herauszuholen, ist die Inszenierung dieser Nebenaufgaben lieblos und banal.
Bei den „Dashes“ genannten Zeitrennen kann ich das noch nachvollziehen, aber warum andere Runner oder Angestellte stundenlang auf den Dächern der Stadt herumstehen, nur um einem eine Blockflöte (die natürlich illegal ist) in die Hand zu drücken und 500 m weiter transportieren zu lassen, will mir nicht in den Kopf. Gut, macht ja trotzdem Spaß, aber die Immersion leidet darunter enorm.
Der Fluch der offenen Welt ist eben, dass sie auch gefüllt werden will.
Und auch wenn Entwickler DICE hier lediglich Altbekanntes und wenig innovatives bietet, findet sich der Spieler zumindest immer zurecht. Das hat man dem sogenannten Echo zu verdanken, einem rot leuchtenden Faden, der dem Spieler immer den richtigen Weg zeigt. Verlässt man sich darauf, mag man zwar nicht immer den schnellsten Weg finden, aber potentielle Moves und Möglichkeiten werden gut aufgezeigt.
Optional lässt sich das Echo allerdings auch komplett abschalten.

Mirrors-Edge-Catalyst-04

Technik & Sound

Mirror’s Edge Catalyst läuft stabil und mindestens so flüssig wie seine Protagonistin, auch wenn das Spiel lediglich eine Auflösung von 900p erreicht. Dafür müssen Spieler nur mit sehr seltenen Rucklern (ich hatte derer vielleicht eine Handvoll), die durch das Nachladen entstehen können, rechnen.
Das ist natürlich auch der Optik des Spiels zu verdanken, die sich irgendwo zwischen minimalistisch und cartoonhaft einordnen lässt. Während die Umgebungen nämlich durch sehr hohe Kontraste und wenige Details durchaus zu gefallen wissen, sind die Hauptfiguren schon realistischer. In manchen Situationen fand ich den Detailgrad mancher Gesichter im direkten Vergleich mit den Umgebungen zwar etwas zu krass, aber die Aufmachung des Spiels mit seinen glänzend weißen Rohren und gelb funkelnden Wänden hat eine gewisse Anziehung.
Die Synchronisation ist, wie bereits erwähnt, hervorragend gelungen, dank professioneller Sprecher. Der Soundtrack ist weitestgehend unauffällig, aber niemals störend oder gar unpassend. Das einzige, was Erwähnung finden muss, ist, dass das Spiel manches mal den Sound verschluckt hat. Dementsprechend gab es Momente, in welcher die gesamte Klangkulisse zu stottern begann. Trotz Neuinstallation blieb das Problem auf der Playstation 4 bestehen, weswegen es in die Wertung einfließen muss.

FAZIT

Aber was für eine Wertung soll das denn überhaupt sein? Mirror’s Edge Catalyst klingt auf dem Papier vielleicht nicht wie der ganz große Wurf, es ist aber ein ungemein spaßiges Spiel, das den Hauptteil seiner Anziehung der tollen Steuerung und dem frischen Gameplay zu verdanken hat. Gerade während der zahlreichen Fluchtsequenzen entwickelt man seinen ganz eigenen Flow und erwischt sich mitunter sogar mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn und den Handflächen, wenn man denn doch einmal abstürzt und mit Faith in die Tiefe stürzt.

Mirror’s Edge Catalyst ist ein situativ ungemein spannendes Spiel, das mich trotz kleinerer Fehler und vergessenswerter Kämpfe immer motiviert hat, es weiter zu spielen. Es vermittelt einem ein Gefühl von Freiheit und das können nicht viele Spiele von sich behaupten.

Schreibe einen Kommentar