Review Red Dead Redemption

Noch vor einem Jahr sprach kaum jemand über Red Dead Redemption, von Rockstar Games erwartete schließlich jeder Action-Liebhaber neue GTA-Episoden – die auch veröffentlicht wurden. Doch die letzten Monate vor dem Release des WildWest-Spektakels baute sich ein überraschend großer Hype um den Titel auf, was auch an der massiven Werbekampagne im Internet und in den Zeitschriften lag. Und welch Überraschung: Der Nachfolger des eigentlich nicht so tollen Red Dead Revolver ist ein herausragendes Erlebnis, das man tatsächlich als „Grand Theft Auto im Wilden Westen“ bezeichnen könnte.


Mein Name ist John Marston

Über Geschichten in Spielen wird immer gerne gestritten, aber viele Gamer, die mit den Gangster- und Ghetto-Storys der letzten GTA-Episoden wenig anfangen konnten, werden vermutlich mehr Gefallen an der Handlung von Red Dead Redemption finden. Der Protagonist John Marston wirkt vor allem zu Beginn fast schon ein wenig schüchtern, ist insgesamt aber ein recht sympathischer Kerl. Seine Motive bleiben zu Beginn völlig unklar, erst nach und nach wird deutlicher, wieso sich der vernarbte und ehemalige Outlaw überhaupt im Westen Nordamerikas rumtreibt. Die Einführung des Protagonisten ist – typisch für Rockstar – wieder überaus gelungen, die ersten Spielstunden könnten als interaktives Tutorial verstanden werden. Während der frühen Aufträge dürften einige Besonderheiten auffallen: Die Entwickler entschieden sich nicht für ein typisches Cowboy/Indianer-Szenario, stattdessen ist Red Red Redemption zeitlich nach der Eroberung des Westens angesiedelt. Mittlerweile führen Zuglinien durch das Land und die Goldgräber-Stimmung der Siedler hat ihren Höhepunkt längst überschritten. Der Beginn des 20. Jahrhunderts hat zusätzlichen Fortschritt in die Prärie gebracht, sogar erste Automobile fahren durch die Großstädte.

Trotzdem: Auf Saloons, Gangster, Showdowns und Kämpfe via Pferd soll niemand verzichten müssen. Letztendlich ist Red Dead Redemption also ein Spiel, so wie man es erwarten kann, nur eben in einer interessanten Epoche, die in einem Videospiel so noch nicht umgesetzt wurde – weder im Vorgänger, noch in der Call of Juarez-Reihe oder dem ersten OpenWorld-Westernl Gun.

Was nun? Was tun?

Wer sich schwer tut, sich in der riesigen Welt von Red Dead Redemption zurecht zu finden, dem sei empfohlen, sich zu Beginn wirklich der Hauptgeschichte zu widmen. Dank dieser werdet ihr an die Hand genommen und auf eine kleine Exkursionsreise durch die Umgebung geschickt. Recht schnell erhaltet ihr euer Pferd, mit dem ihr natürlich selbst die weitläufigen und erstaunlich vielfältigen Landstriche besuchen könnt. Und sollt! Denn wie es sich für ein aktuelles Rockstar-Produkt gehört, bietet das Spiel unglaublich viele Möglichkeiten, sich zu entfalten. Missionen abseits der Kampagne erhaltet ihr von den Bewohnern der staubigen Dörfer und Städte, durch Fahndungsblätter dürft ihr sogar auf Gaunerjagd gehen. Nicht selten erwarten Zivilisten am Wegesrand eure Hilfe, obwohl ihr eigentlich nur von A nach B galoppieren wolltet. Es ist schier unglaublich, was die Designer sich einfallen lassen haben. Sicher, Red Dead Redemption bedient auf gewisse Weise die Klischees und Vorstellungen der Spieler, wie der Wilde Westen ausgesehen haben könnte, jedoch stört dies zu keiner Zeit. Also jagt ihr Fieslinge, rettet Geiseln, schlagt euch mit fiesen Banden herum, leitet eine Kuhherde, spielt Poker, schwingt das Lasso, hütet Pferde und so weiter und so fort. Klar, thematisch ist Red Dead Redemption Geschmacksache, aber subjektiv betrachtet sind die Herausforderungen durchaus abwechslungsreicher als bei GTA IV – wobei der Vergleich vielleicht ein wenig hinken mag, schließlich sind die Schauplätze völlig verschieden.

Die Parallelen zu besagtem Grand Theft Auto sind offensichtlich: Ein Radar sorgt für Orientierung, er zeigt  auch an, wo die nächsten Aufgaben warten. Statt Autos werden Pferde oder Postkutschen zur Fortbewegung genutzt, anders ist hier allerdings, dass die Ausdauer der Vierbeiner berücksichtigt werden muss.  Praktisch ist auch, dass ihr durch einen Pfiff flott einen Gaul herbeiruft, ihr müsst also nicht nach herumstehenden Reittieren suchen und diese stehlen. Das Meistern der Herausforderungen ist im Grunde wie bei GTA IV, etwas frischen Wind bringt Red Dead Redemption durch den Aspekt „Ruhm“ ins Spiel. Gute Taten sprechen sich herum, genauso wie schlechte. Zwar ist Marston kein Weichei und schon gar kein harmloser Kerl ohne dramatische Geschichte, aber deswegen müsst ihr noch lange nichts alles töten und abschlachten, was euch in den Weg kommt. Dürft ihr aber trotzdem tun, wenn ihr wollt, sogar das Häuten eures eigenen Pferdes oder das Durchsuchen von Leichen ist möglich. Wie geschmackvoll. Bedacht sollte jedoch werden, dass ein schlechter Ruf das auf euch verhängte Kopfgeld erhöht und damit das Risiko steigt, von Kopfgeldjägern geschnappt zu werden.

Ansonsten werden GTA-Kenner weitere bewährte Elemente wieder vorfinden: Häuserkauf ist mit von der Partie, wer noch nicht so viel Geld verdient hat, mietet sich eine Wohnung an. Diese dient zum Speichern des Spielstandes, was übrigens auch an einem selbst  gemachten Lagerfeuer mitten in der Pampa möglich ist. Nicht unerwähnt sollten die Züge in Red Dead Redemption bleiben. Sie werden zur schnellen Fortbewegung zwischen den teils weit entfernten Orten eingesetzt – genauso wie die Postkutschen. Eine Schnellsprung-Option in eine gewünschte Stadt wurde ferner integriert. Das ist zwar nicht sonderlich realistisch, aber praktisch.

Toll!

GTA IV sieht fraglos nach wie vor sehr gut aus, aber Rockstar zeigt bei Red Dead Redemption, dass eine Steigerung locker möglich ist. Die hausreigene RAGE-Engine wurde ganz offensichtlich deutlich aufpoliert, was sich vor allem bei den Charakteren und den Animationen bemerkbar macht. Allein die Bewegungen der Tiere, speziell der Pferde – das sieht fantastisch aus. Das fiktive Universum des Titels könnte stimmungsvoller und authentischer kaum sein, von wenig aufregenden Wüstenregionen über Canyons bis hin zu Steppen und  spärlichen Wäldern ist alles dabei, was man sich so vorstellen kann. Dazu kommen die wunderschön inszenierten Tag- und Nachtwechsel, in der Dunkelheit ändert sich sogar das Verhalten der Menschen und Tiere. Das ist einfach stimmig und motivierend. Mit Sicherheit werdet ihr euch, sofern ihr Red Dead Redemption kauft, dabei ertappen, wie ihr gen Sonnenuntergang reitet, auf einem Hügel in die Ferne schaut und den actionreichen Tag als vermeintlicher Gesetzeshüter Revue passieren lasst. Das alles strahlt einen ganz anderen Flair aus als ein x-beliebiges Großstadt-Szenario – und genau dies ist wohl auch die Besonderheit von Red Dead Redemption. Gegenüber dem direkten Konkurrenten Gun ist dieses Spiel absolut zeitgemäß, von den unfassbar vielen Entfaltungsmöglichkeiten ganz zu schweigen.  Negativ fallen nur gelegentliche PopUps,  seltene Slowdowns und ein gelegentlich später Bildaufbau (Hintergründe) auf. Stört das? Nicht die Bohne!

Interessant ist auch der Multiplayer-Modus. Bis zu 16 Spieler können sich an teils typischen Spielarten versuchen, reizvoll ist, dass ihr Gebiete in Free-Roam mit Banden frei besuchen dürft. Ein individualisierbarer Charakter, der fortlaufend an Erfahrung gewinnt – ja, das gibts auch, ist aber nach GTA IV keine Besonderheit mehr. Den richtigen Coop-Modus, der sich für Red Dead Redemption wiahrlich anbietet, möchte Rockstar in einigen Wochen nachliefern. Hier darf man besonders gespannt sein.

Fazit: Also doch – GTA im Wilden Westen

Wer hätte von Rockstar bei Red Dead Redemption schon etwas anderes als ein „GTA im Wilden Westen“ erwartet? Vermutlich niemand! Und tatsächlich spielt sich das neueste Werk der renommierten Schmiede fast so die berühmten Action-Meisterwerke des Studios. Dieses Mal aber erwarten euch nicht nur ein neuer Schauplatz abseits riesiger Großstädte, sondern ebenso völlig andere Aufgaben und Missionen, die sogar frischen Wind ins OpenWorld-Genre bringen. Hinzu kommt eine zeitgemäße Technik und ein beeindruckender Umfang. Wer sich die Zeit für sämtliche Nebenaufträge nimmt, kann locker 100 Stunden in der WildWest-Welt verbringen. Der Multiplayer fällt hier etwas ab, macht aber trotzdem durch neckische Ideen sehr viel Spaß.

“Los Cowboy, pack dann mal wieder schön Deine Grabsteine ein und spendiere mit einen Whiskey oder ein weiteres, tolles Spiel””

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