Testbericht Heavy Rain

Auf der E3 2006 gab es kein vergleichbares Thema, das Fachpresse und Publikum dermaßen in Aufregung versetzte. Damals enthüllte das recht unbekannte französische Entwicklerstudio Quantic Dream mit einem grafisch beindruckenden Trailer erstmals ihr aktuelles Projekt Heavy Rain – exklusiv umgesetzt für die PlayStation 3. Nicht nur die Präsentation sollte für Euphorie sorgen, auch im Storytelling wollte man in neue Dimensionen vorstoßen: Heavy Rain war das interaktive Drama mit lebensechten Darstellern, die über eigener Gefühle, Motive und Leitbilder verfügen. Interaktiv deshalb, weil Entscheidungen des Spielers maßgeblich den Verlauf der Geschichte bestimmen sollten. Rund drei Jahre später lässt sich nun endlich anhand unserer Kaufversion prüfen, inwieweit der Hype gerechtfertigt schien.


Mysteriöse Verbrechen

Heavy Rain erzählt eine fiktive Kriminalgeschichte über das mysteriöse Verschwinden von Söhnen, die Tage später ertrunken und damit tot aufgefunden werden. Alle Opfer verbindet ein Beweisstück, das am Tatort gefunden wird – eine Origami-Figur. Das ist auch schon das einzige Indiz auf den vermeintlichen Serienkiller, der eine kleine Stadt an der Ostküste in den USA in Atem hält. Ethan Mars, Architekt und Vater zweier Söhne, führt derweil uneeindruckt von den Ereignissen ein schönes Familienleben. Doch schon bald wird dieses idyllische Bild zerstört. Ein Unfall nimmt ihm seinen älteren Sohn. Der jüngere Shaun ist seitdem in sich gekehrt und verschlossen. Als er dann auch noch entführt wird und alle Spuren auf den Origami-Killer deuten, macht sich der Vater auf die Suche – und mit ihm vier andere Protagonisten des Spiels.

Norman Jayden, Profiler des FBI ist spezialisiert auf Serienkiller möchte dem tödlichen Treiben des Psychopathen endlich ein Ende setzen und hofft bei seinen Ermittlungen auf die Hilfe der hiesigen Polizei. Madison Page, eine junge Journalisten, wittert hingegen eine große Story und heftet sich an die Fersen Ethans. Einen anderen Weg beschreitet der letzte Akteur des Spiels: Der frühere Polizist und heutige Privatdetektiv Scott Shelby glaubt bei den Familien bisheriger Opfer Hinweise auf die Identität des Killers zu bekommen. Ein Wettlauf um die Zeit beginnt, denn nach der Entführung bleiben für gewöhnlich nicht mehr als 72 Stunden Zeit die Opfer lebend zu finden – und der Regen wird immer stärker.

Rollentausch

Ihr schlüpft im Verlauf des Spiels mehrmals in die Rollen der soeben vorgestellten Charaktere und erlebt die Geschichte aus dem jeweiligen Blickwinkel. Das eröffnet völlig neue Perspektiven auf den spektakulären Fall. Ethan, der Vater des entführten Sohnes, etwa muss eine Reihe von perversen Tests absolvieren, die der kaltblütige Killer akribisch vorbereitet hat. Nach jeder erfolgreich bestandener Prüfung bekommt er einen Teil der Adresse zu sehen, dem Ort, an dem sich unter Umständen sein Sohn befinden könnte. Zögert er zu lange oder löst er eine Aufgabe nicht, bleibt ihm ein Stück des Puzzles verborgen. Das könnte die Suche entschieden erschweren, oder aber auch nicht. Die Entscheidungsgewalt liegt dabei immer bei dem Spieler – und genau hier liegt der eigentliche Clou. Im Unterschied zu anderen Genrevertretern, die mit solche Elemente einsetzten, bestraft euch Heavy Rain nicht für getroffene Entscheidungen. Solltet eurer Protagonist sterben – und das kann im Verlauf des Krimi-Abenteuers häufig geschehen – ist das Spiel nicht plötzlich vorbei und ihr seht einen Game Over-Schriftzug auf dem Bildschirm. Nein, stattdessen läuft die Geschichte einfach weiter, nur eben mit der Konsequenz, dass euch die Informationen des Verstorbenen abhanden gekommen sind. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass ihr den Origami-Killer nicht zu fassen bekommt. Schließlich mündet das interaktive Drama in einem von 18 verschiedenen Enden. Denkbar sind also alle möglichen Konstellationen, was den Wiederspielbarkeitswert enorm erhöht.

Interaktives Drama

Wie aber spielt man so ein interaktives Drama, das seine Geschichte größtenteils in Zwischensequenzen transportiert und in denen ihr die Spielfigur nicht selbst unmittelbar steuern könnt? Die Antwort: Quick Time Events. Kleine Reaktionsspielchen, bei denen ihr zur richtigen Zeit die eingeblendeten Buttons betätigen müsst. Heavy Rain greift dabei auf das gesamte Funktionsspektrum des Sixaxis-Controllers der PlayStation 3 zurück. So gibt es mitunter Passagen, etwa bei einer Autofahrt, in denen ihr den Controller zügig in eine bestimmte Richtung neigen müsst. Die Bewegungserkennung funktioniert erstaunlich gut, allerdings muten die Entwickler den Spielern mitunter hohe Anforderungen an ihre Fingerfertigkeiten zu. An einer Stelle muss man etwa über einen Feuerherd springen. Für diese simple Aufgabe müssen gleich vier Buttons gleichzeitig gedrückt gehalten und kurzdarauf los gelassen werden. Noch während des eigentlichen Sprungs folgt darauf ein weiteres Quick Time Event. Da kommen selbst eingespielte Profis ins Schwitzen. Zum Glück könnt ihr unter drei Schwierigkeitsgraden wählen.

Natürlich gibt es auch genügend Szenen, in denen ihr euch frei bewegen dürft. Die Steuerung hierbei ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Statt wie üblich mit dem Analogstick, setzt ihr in Heavy Rain euren Charakter mit R2 in Trapp. Wirklich ärgerlich ist aber der Umstand, dass die eigene Spielfigur oftmals an Objekten hängen bleibt. Verstärkt wird dieses Manko durch das enge, schlauchartige Design der Spielareale. Hier hätte ein wenig mehr Feintuning sicher nicht geschadet.

Das Spiel in dem Film

Ist Heavy Rain also nun mehr ein Spiel oder doch eher Film? Die Antwort liefern wohl die Credits. Als Regisseur sieht sich David Cage, künstlerischer Schöpfer von Heavy Rain. Die Levels sind Sets, seine virtuellen Charaktere die Stars. Tummelt er sich womöglich in der falschen Branche? Wohl kaum, denn eigentlich will er nur das, was auch andere Gamedesigner mit Videospielen möchten: spannende Geschichten erzählen. Nur mit dem Unterschied, dass sein Spielkonzept mehr Interaktivität erlaubt, den Spielern weitgehend ermöglicht, den Ausgang der Geschichte mit ihren Taten selbst zu bestimmen. Als Geschichtenerzähler leistet Cage hervorragende Arbeit, auch wenn die Liebesgeschichte zwischen Ethan und Madison doch arg konstruiert wirkt. Als Gamedesigner muss er sich jedoch der Blöße geben. Denn der spielerische Gehalt von Heavy Rain ist hauchdünn. Ein paar Buttons drücken, hier und da den Tatort nach Spuren absuchen und ein paar Gedächtnisspiele. Mehr Substanz gibt Heavy Rain nicht her.

Bildästhetik mit wunderbarem Klang

Über die Optik lässt sich eigentlich kein schlechtes Wort verlieren. Die Schauplätze wurden mit Liebe zum Detail auf dem Bildschirm erweckt. Doch die eigentlichen Stars des Spiels sind nicht die Kulissen, sondern die lebensechten Akteure. Maßgeblich dafür verantwortlich ist das aufwendige Motion Capturing, mit dem sämtlichen Figuren Leben eingehaucht wurde. Die Animationen, Mimik, wie Gestik, sind stets glaubwürdig und erzeugen ein hohes Maß an Immersion. Wer in die Kriminalgeschichte von Heavy Rain abtaucht, kommt nicht so schnell heraus. Eine Erwähnung finden müssen auch die filmischen Stilmittel, denen sich Heavy Rain bedient. Die Splitscreen-Szenen sind nicht nur nettes, optisches Gimmick, sondern haben als Form der Montage tatsächlich einen relevanten Nutzen. In einer Szene etwa muss der Spieler aus einem Lagerhaus entkommen. Derweil sieht man am unteren Bildschirmrand, wie sich langsam ein Sondereinsatzkommando der Polizei nähert und versucht, langsam aber sicher in das Gebäude hinein zugelangen. Der Spieler muss die gezeigten Szenen interpretieren und dementsprechend schnell handeln. Technische Patzer bekommt man mit Ausnahme vereinzelter Texturnachlader nicht zu Gesicht. Ähnlich beindruckend ist übrigens auch der Soundtrack, der die düstere Atmosphäre erst entstehen lässt. Hier hat Quantic Dream ganze Arbeit geleistet.

Fazit:

Heavy Rain ist ein ungewöhnliches Spiel. Eines, das sich nur schwer in ein gängiges Bewertungsschema pressen lässt. Die Kaufentscheidung hängt nämlich maßgeblich davon ab, wie viel Film man in einem Videospiel verträgt. Als interaktiver Film für Erwachsene erzählt Heavy Rain dabei eine fesselnde Geschichte, deren Ausgang der Spieler selbst in die Hand nimmt. Die grafische Präsentation wie auch Musikuntermalung haben ohne Zweifel Referenzniveau. Doch spielerisch versumpft der Film noir-Thriller in der Bedeutungslosigkeit. Sicher sind die Quick Time Events gut ins Spielkonzept integriert worden, der Anspruch jedoch ist stets so gähnend niedrig gehalten, das man den Controller aus der Hand legen würde, gäbe es da nicht das Fundament mit dem Namen Story. So entpuppt sich Heavy Rain nach dem inoffiziellen Vorgänger Fahrenheit als weiteres Experiment aus der Kategorie „Film-Spiel-Symbiose“. Aber eines, das den Autor dieser Zeilen sehr gut unterhalten hat. Quantic Dream, ich freue mich auf euren nächsten Streich.

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