ICO & Shadow of the Colossus – Classics HD Testbericht

Candle Review

Es ist ein Freitag im Oktober 2011. Voller Vorfreude stehe ich bei einem großen Fachhändler für Videospiele. An der Kasse warten mindestens zehn Kunden, die meisten von ihnen wohl kaum halb so alt wie ich. Der Verkäufer sagt wie ein Mantra immer den gleichen Spruch auf

„Fifa 11 – für Ps3 oder 360? Hast du Interesse Call of Duty oder Battlefield vorzubestellen?“

Als ich endlich an der Reihe bin und ich sage warum ich hier bin hält mein Gegenüber kurz inne:

„Kenne ich nicht. Wie heißt das? Muss ich kurz nachschauen“

 

Das Objekt meiner Begierde ist natürlich „ICO & Shadow of the Colossus“ für Playstation 3, eine auf HD und 3D-Darstellung hochpolierte Neuauflage zweier echter Klassiker der Videospielgeschichte.

 

Das 2005 für Playstation 2 erschienene „Shadow of the Colossus“ wird wohl von nicht wenigen Spielern als eines der besten Spiele aller Zeiten anerkannt, was schließlich dazu führte dass das Original bei Internet-Auktionshäusern bis zum Remake für die PS3 für 60 Euro oder mehr gehandelt wurde. „ICO“ erschien hierzulande erstmals im Frühjahr 2002, verkaufte sich jedoch trotz Wertungen um die 90% nur sehr mäßig. Nachdem „Shadow of the Colossus“ drei Jahre später die ihm gebührende Aufmerksam erlangen konnte wollte Sony „ICO“ eine zweite Chance geben und vermarktete 2006 einen Reprint – diesmal mit etwas mehr Erfolg.

 

ICO ist der Name eines kleinen gehörnten Jungen. Und da in seiner Heimat gehörnte Jungen auch eher die Ausnahme sind, beschließen die Dorfbewohner Ico zum Wohle aller zu Opfern. Hierzu wird er kurzerhand in ein scheinbar verlassenes Schloss gebracht, wo ihn sein Schicksal ereilen soll.

 

Doch Ico kann aus seinem Gefängnis entkommen und als er kurz darauf auf das geheimnisvolle Mädchen Yorda trifft beginnt die Geschichte ihren Lauf zu nehmen.

Unsere Aufgabe ist es, zunächst lediglich mit einem Holzstock bewaffnet, einen Weg aus den Untiefen des Schlosses zu finden und dabei unsere Begleiterin zu beschützen. Die Schwierigkeit besteht dabei hauptsächlich in der Architektur des mysteriösen Gemäuers: Unzählige verschlossene Türen wollen geöffnet, unüberwindbare Schluchten umgangen, duzende Mechanismen in Gang gebracht werden, bevor wir schließlich das scheinbar rettende Schlosstor erreichen.

 

Doch als wäre das nicht genug müssen wir auch noch ständig ein Auge auf unsere charmante Begleiterin haben. Per Druck auf die rechte Schultertaste nehmen wir diese an der Hand und zerren sie hinter uns her. Lässt der Spieler die Taste los, bleibt auch Yorda alleine und hilflos stehen. Und da es sich für eine geheimnisvolle Schönheit natürlich nicht gehört an Felswänden herumzuklettern, bleibt uns oft nichts übrig als unseren Schützling zurückzulassen um vielleicht in einem angrenzenden Gebiet eine Möglichkeit zu finden ihr einen Weg zu ebnen. Doch Vorsicht: Yorda ist völlig hilf- und wehrlos, und so alleine wie es zunächst schien sind wir leider doch nicht auf dem Schloss. An bestimmten Punkten des Spieles, oder wenn wir Yorda zu lange unbeobachtet lassen, erscheinen Heerscharen unheimlicher Schattenwesen, die alles daran setzen unserer Begleiterin habhaft zu werden, und sie in schwarze Löcher im Boden zu zerren. Gelingt den Geistern dies bleiben uns nur wenige Sekunden um zum Abgrund zu gelangen und sie herauszuziehen. Sind wir zu spät heißt es: Zurück zum letzten, meist sehr fair gesetzten Speicherpunkt.

Das Prinzip von „ICO“ ist denkbar einfach und auf den ersten Blick nicht sonderlich originell. Was mehr als alles andere den Reiz dieses Spieles ausmacht ist die Atmosphäre. Trotz der in die Jahre gekommenen Grafik, den häufigen kleinen Darstellungsfehlern, den detailarmen Texturen und der stellenweise wahnsinnig machenden Kamera entwickelt „ICO“ eine Stimmung wie kaum ein zweites Spiel. Die wunderschönen, großartig designten Umgebungen vermögen es den Spieler derart in seinen Bann zu ziehen, dass ein Ausschalten der Konsole vor dem Abspann eher unwahrscheinlich ist. Auch die sich langsam intensivierende Beziehung zu Yorda und die Dramaturgie der Geschichte, die uns nur sehr langsam offenbart was für Geheimnisse in den Untiefen des Schlosses lauern, tragen dazu bei, „ICO“ zu einem wirklich einzigartigen Spielerlebnis zu machen.

 

In „Shadow of the Colossus“ begleiten wir einen namenlosen Helden auf seiner Reise in ein geheimnisvolles, fernes Land. Hier sollen Kreaturen leben, in deren Macht es steht seine verstorbene Geliebte wiederzuerwecken. Kaum am Bestimmungsort angekommen redet auch schon eine körperlose Stimme zu unserem Helden und stellt ihm in Aussicht das Ersehnte zu erfüllen, wenn es ihm nur gelingt die 16 in diesem Land lebenden legendären Monster zu besiegen. Und hiermit ist auch schon gesagt, was es in „Shadow of the Colossus“ zu tun gilt: 16 Monster erledigen. Diese bevölkern eine sonst völlig unbelebte Welt, voller grotesk aus Untiefen aufragender Klippen, verödeter Steppen und stiller Seen. Diese Einöde gilt es mit unserem treuen Pferd zu durchqueren. Den Weg zum nächsten Gegner zeigt uns auf Knopfdruck das sich in unserem Schwert bündelnde Licht. Ist der nächste Gegner schließlich gefunden, heißt es, ebenfalls mithilfe unseres Schwertes, dessen Schwachpunkt in Form eines leuchtenden Zeichens beispielsweise auf dem Kopf des Ungetüms zu finden und, ob der Größe unserer Gegner die größte Herausforderung, diesen zu erreichen. Dazu müssen wir beispielsweise warten bis das Biest versucht uns wie einen Käfer zu zerstampfen um dann im richtigen Moment mit unserem Bogen auf seine Fußunterseite zu schießen. Fällt das Monstrum dann zur Seite, krallen wir uns schnell in seinem dichten Bauchfell fest und klettern bis zum Kopf, wo wir die Schwachstelle mit unserem Schwert bearbeiten. Ist der Sieg schließlich unser, geht es auf die Suche nach dem nächsten Gegner.

Das mag wenig abwechslungsreich klingen, bietet jedoch eines der intensivsten Erlebnisse der Videospielgeschichte. Denn jeder der 16 Kolosse gehört zweifellos zu den beeindruckendsten, schönsten Kreaturen, die je eine virtuelle Welt bevölkert haben. Und so geraten die gerne mal eine Stunde oder länger dauernden Kämpfe gegen die mehrere Bildschirme füllenden Ungetüme zu einem wahren Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite steht der Ehrgeiz, uns mit diesem Ungetüm zu messen, auf der anderen die Frage, warum wir dieses wunderbare Wesen töten, und diese gottverlassene Welt noch leerer und trostloser zurücklassen müssen. Die naheliegende wie ernüchternde Antwort „Weil es die Aufgabe des Spieles ist“ führt zu weiteren Fragen. Die Tatsache, dass wir es nur für unsere verstorbene Geliebte tun bietet da nur unzureichende Versöhnung mit unseren virtuellen Taten. Und so bleibt uns, wenn unser Gegner zu Boden geht, und wir ihn mit zunehmender Kampfdauer gleichzeitig immer mehr lieben und hassen gelernt haben, neben verschwitzen Händen eher Trauer als Freude. Dennoch treibt uns unsere Neugier – und die Aufgabenstellung des Spieles – zum nächsten Koloss.

Technisch befindet sich „Shadow of the Colossuss“, das bei Erscheinen gerade in Punkto Animation neue Maßstäbe setzte, natürlich nicht auf der Höhe der Zeit. Dennoch fügt sich, wie schon bei „ICO“, alles nahezu perfekt ins Gesamtbild – wie bei einem alten Roman, dessen Sprache uns nicht mehr zeitgemäß vorkommen mag, jedoch die Intension des Autors besser auszudrücken vermag als unsere heutigen Möglichkeiten.

Kurz mustere ich den Angestellten des Videospieleladens und bin versucht zu sagen:

„Du arbeitest mit Spielen und kennst das vermutlich beste Spiel aller Zeiten nicht?“

 

belasse es dann aber bei:

 

„Das einzelne Spiel da. Hinter dir. Rechts neben den 100 FIFA-Schachteln!“

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