The Silver Case

Heute kennt man “Suda51” und dessen Entwicklerstudio Grasshopper Entertainment vorallem wegen solcher skurriler Spieleperlen wie Lollipop Chainsaw, Shadows of the Damned oder den kultigen Titel Killer7. Doch bereits im Jahr 1999 veröffentlichte Goichi Suda ein Spiel für die PlayStation, das den Grundstein für alles Weitere legen sollte. Doch ob die überarbeitete Version der Viual Novel The Silver Case auch heute noch überzeugen kann, das soll der folgende Test klären.

Ein düsterer Krimi…

Das Spiel ist in der fiktiven Stadt 24 Wards angesiedelt, in dem sich bizarre Mordfälle häufen, die extreme Ähnlichkeiten zu in der Vergangenheit begangenen Taten aufweisen. Schnell findet man in dem Serienkiller Kamui Uehara einen Hauptverdächtigen. Dieser sitzt nicht mehr – wie erwartet- im Gefängnis, sondern ist auf freiem Fuß und auf der Flucht. Es liegt nun am Spieler die Geheimnisse hinter den Taten aufzudecken und Uehara aufzuhalten.

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Dabei beobachtet man das Geschehen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, beziehungsweise in zwei Handlungssträngen, die sich immer wieder miteinander und abwechselnd verknüpfen. Einmal übernimmt man die Rolle eines wortkargen Polizisten, der einen Angriff des Killers als einziger überlebte und nun alles daran setzt ihn aufzuhalten, während im zweiten Handlungsstrang ein Journalist im Vordergrund steht, der sich der wahrheit verschrieben hat, aber gleichzeitig auch auf der Suche nach seinen persönlichen 15 Minuten Ruhm ist.

Leider ist dieser erzählerische Ansatz auch ein zweischneidiges Schwert, denn während der stumme Polizist das aktivere Gameplay auf seiner Seite hat, ist es schwieriger sich mit ihm und seinen Handlungen zu identifizieren, während der Journalist rein menschlich leichter nachzuvollziehen ist, aber sich im Gameplay wortwörtlich auf vorgegebenen kurzen Schienen bewegt.

Ohnehin gilt, dass die Erzählung und Handlung durchaus gelungen sind und situativ spannende Momente einen immer wieder den Atem stocken lassen können, aber beinahe alle Charaktere nicht nur eigenartig, sondern höchst suspekt sind. Es handelt sich um exzentrische Personen, mit übertriebenen Marotten oder unwahrscheinlich unsympathischen Wesenszügen, dass es mitunter sehr schwer ist ihre gefühlt Stunden langen Monologe zu lesen. Dadurch und seltsam aufgesetzt wirkende philosophische Abhandlungen stockt das Vorankommen enorm. Das ist besonders schade, da die Entwicklung der Geschichte dadurch ihr Momentum verliert.

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… zum Mitspielen?

Auch spielerisch wird nicht viel geboten. Das sollte niemanden überraschen, der in seinem Leben bereits in Kontakt mit einer Visual Novel gekommen ist, aber für all diejenigen, die es nicht wissen: Man liest beinahe ausschließlich. The Silver Case hat sich zwar einige Gameplay-Mechaniken aus dem Genre des Point & Click-Adventures ausgeborgt, aber richtig überzeugen wollen diese nicht. So kann man sich besipielswiese in bestimmten Abschnitten relativ “frei” durch Räume bewegen. Dadurch dieser Vorgang bereits unnötig kompliziert gestaltet wurde (man drückt nicht einfach den Stick in die entsprechende Richtung, sondern muss über ein separates Menü “Move” auswählen), fühlt man sich schnell jener Komfortfunktion beraubt, die man mittlerweile von Spielen erwartet. Die vorhandenen Rätsel schwanken qualitativ zwischen “Zahlenspielerei”, “Kopfnuss” und “Was zur Hölle? Ich werf den Controller an die Wand”, so abstrus werden sie mitunter.

Man “spielt” also nicht wirklich viel, aber selbst wenn man das tun muss, leidet der Titel an einigen frustrierenden Designentscheidungen, die man im Rahmen eines Remasters, denn darum handelt es sich hier immerhin, hätte ausbessern müssen.

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Artdesign, Grafik und Sound

Grafisch präsentiert sich der Titel als Remaster eines Ende der Neunziger veröffentlichten Spiels entsprechend. Die handgezeichneten Manga-Panels, die sich vor einem dynamischen Hintergrund abwechseln, wurden teilweise überarbeitet, gefallen aber ohnehin durch die Qualität der Zeichnungen. Hier greift einfach das coole und abgefahrene Artdesign des Titels, sowie deren Präsentation. Der Manga-Stil gefällt sehr gut, sieht in Bewegung aber nochmals besser aus, denn es gibt auch Anime-Filmsequenzen und CGI-Schnipsel zu bewundern. Auch Live-Action-Aufnahmen gilt es zu bewundern. Auch wenn man The Silver Case sein Alter mitunter anmerkt, hat die Präsentation nicht von ihrem eigenwilligen Charme verloren.

Was durchgängig gut zu gefallen weiß ist der Soundtrack des Spiels. Wer hier häufiger reinschaut, weiß, dass ich diesem einen hohen Stellenwert zuschreibe, weswegen es mich besonders freut, dass er in diesem Spiel so gut gelungen ist. Die Stücke sind abwechslungsreich und atmosphärisch dichte Werke, die immer gut zum Geschehen passen. Dies ist insofern von größerer Bedeutung, als das in Visual Novel beinahe ausschlieißlich gelesen wird. Mit nerviger Musik wäre da niemandem geholfen.

FAZIT

Wer ein Problem mit stundenlangem Lesen, schleppenden Dialogen, skurillen Charakteren, einer eigenartigen (und das meine ich so positiv wie möglich) Präsentation und einer vermurksten Steuerung hat, sollte The Silver Case gekonnt ignorieren. Wirklich, all jene, die sich angesprochen fühlen, ihr verpasst nichts.

Wer sich für Visual Novels interessiert und wem eine spannende Geschichte, sich verknüpfende Handlungsstränge und überraschende Twists wichtiger sind als moderne Anpassungen, bzw. wer sich an jener nostalgischen Sperrigkeit nicht stört, die vielen Klassikern anhaftet, sollte einen Blick riskieren.

The Silver Case ist ein Spiel für eine ganz besondere Nische an Gamern. Insofern bezieht sich die finale Wertung auch eher auf die offensichtlichen Fehler, Probleme aber auch herausragende Features des Spiels, während die folgenden Sätzen meine subjektive Meinung wieder geben:

Ich hatte Spaß und Frust mit The Silver Case. Es war keine einfache Verbindung, die wir eingegangen sind, dafür aber eine atmosphärisch dichte, musikalisch und erzählerisch mitunter sogar beeindruckende. Und vorallem eine, die ich so schnell nicht vergessen werde.

 

 

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